Häferlkaffee


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Die Ringstraße des Proletariats

2015 feierte die Wiener Ringstraße ihr 150. Jubiläum. Aus diesem Anlaß widmete der Waschsalon im Karl-Marx-Hof der ‘Ringstraße des Proletariats’ eine Ausstellung. Gemeint war der Margaretengürtel, an dem sich die höchste Konzentration an kommunalen Wohnbauten aus der Zeit des Roten Wien zwischen 1919 und 1933 findet. In dieser Ausstellung konnte man damals einen Plan dieser alternativen Ringstraße mitnehmen – und es hat nur knapp anderthalb Jahre gedauert, bis ich mir die Bauten auch tatsächlich angeschaut habe…

Diese Bauten sind ganz unterschiedlich: schlicht und kantig wie z.B. der von Peter Behrens entworfene Franz-Domes-Hof, expressionistisch wie der Reismannhof oder geradezu feudal wie das Herz des Viertels, der von Hubert Gessner erbaute Reumannhof. Vor allem an dieser Anlage mit ihren 480 Wohneinheiten und markantem zentralen Wohnturm fallen die Anklänge an aristokratische Schloßarchitektur ins Auge – ein wahrer “Volkswohnpalast”, wie Josef Frank, der später als Gegenentwurf die Werkbundsiedlung initiierte, wetterte. Und auch in den anderen Bauten lassen sich immer wieder palatiale Anklänge beobachten: Pergolen, Blumentröge, Puttenstatuetten. Obwohl die mit Waschküchen, Kindergärten und anderen Gemeinschaftseinrichtungen ausgestatteten Anlagen gerade einen Gegensatz zu dieser aristokratischen Welt bilden sollten, blieben sie doch diesem Wunschbild verhaftet. Mit ihrer aufwendigen skulpturalen Ausstattung und abwechslungsreichen Fassadengestaltung sind die Bauten heute jedenfalls sehr eindrucksvoll.

Hier der Spaziergang (in etwas erweiterter Fassung) zum Nachspazieren: http://www.dasrotewien.at/bilder/rotes_wien_plaene_ringstrasse.pdf


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Unterwegs zu den häßlichen Seiten Wiens

Jeder Wienbewohner und -besucher kennt das makellos erscheinende Wien mit seiner polierten Innenstadt und geordneten Platz- und Parkanlagen, die zwar auf den ersten Blick schön aussehen, in denen mir persönlich aber einfach der Freiraum fehlt. Daher war ich gleich angefixt, als mich Freunde und Verwandte aus Deutschland auf eine Führung zu den häßlichen Seiten Wiens aufmerksam machten. Die Stadtspaziergänge unter dem Motto “Vienna Ugly” organisiert die Gruppe “space and place”, die sich selbst als “rebellious optimists” und “social designers” bezeichnet. Nicht überraschend, daß diese Spaziergänge nur als Kunstaktion geduldet werden und keinen Platz im offiziellen Führungsprogramm der Stadt finden (und sich daher offiziell auch nicht Führungen nennen dürften). Dabei haben sie regen Zulauf. Im April nahm ich endlich – zusammen mit etwa 50 weiteren Interessierten – an einem dieser Stadtspaziergänge teil. Weniger als eine Tour zu den häßlichsten Gebäuden Wiens – die natürlich auch besucht werden, wie z.B. das unfaßbare grausliche, in den 1980er Jahren errichtete Bundesmisterium für Gesundheit am Wienfluß – war der Spaziergang eine Einladung, die Stadt anders zu sehen. Wir begannen am Karmelitermarkt, wo über die zweifelhafte Ästhetik so mancher Haussanierung diskutiert und nach dem Sinn ufo-hafter, luxuriöser Dachausbauten gefragt wurde, die doch ganz offensichtlich keine Lösung für die notorische Wohnungsnot bieten. Ein Abstecher zum Donaukanal wurde genutzt, um auf die zunehmende Gentrifizierung durch immer schickere, fest gebaute Lokale in einem der letzten Freiräume in der Innenstadt hinzuweisen. Und warum müssen Schaltkästen eigentlich immer grau sein? Am Stephansdom wurde hinterfragt, ob Restaurierungen ein historisches Gebäude durch Ergänzungen und Reinigung wirklich wieder wie neu aussehen lassen müssen oder ob man nicht die Zeichen der Zeit erhalten sollte. Und schließlich wurden auch historische Scheußlichkeiten unter die Lupe genommen, denn nicht alles, was alt ist und zu Kaisers Märchenschloß gehört, ist automatisch schön. Die Führung sprach vieles an, was mir in Wien auch schon lange auffällt, und ein paar für mich neue ‘häßliche’ Gebäude habe ich bei der Gelegenheit auch noch kennengelernt ;-)

 


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Nachtrag zum Wiener Luftschutz

Neulich bin ich im 2. Bezirk vor einem Schaufenster zufällig über ein Gitter mit der Aufschrift “Mannesmann Luftschutz” gestolpert. Solche von den Mannesmann-Stahlwerken hergestellte Gitter wurden über Notausgängen und Lüftungsschächten von Luftschutzkellern angebracht, wie ich sie im letzten Jahr in der Postgasse besichtigen konnte. Hinter dem Gitter befand sich ein Rahmen mit einer Stahlklappe, die im Bedarfsfall von innen zu öffnen war. Dadurch sammelte sich in dem Rahmen Wasser, wodurch ein gasdichter Abschluß der Luke erreicht werden konnte. Die Gitter wiesen zusammen mit einem an den Hauseingängen angebrachten Leitsystem den Menschen den Weg zu den Luftschutzräumen. Ein Blick ins Internet zeigt, daß sie scheinbar in allen deutschen Städten verbreitet waren.IMG_20160319_110921


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Wiener Luftschutz

Beim letzten Tag des Denkmals in Wien besichtigte ich die Luftschutzkeller unter der ehemaligen Wiener Hauptpost. Der Gebäudekomplex in der Postgasse im 1. Bezirk besteht aus mehreren, ursprünglich getrennten Bauteilen unterschiedlichen Datums, die im 19. Jh. mit einer einheitlichen Fassade versehen wurden. Entsprechend waren auch die Keller untereinander ursprünglich nicht verbunden. Erst im 2. Weltkrieg wurden sie zu einem zusammenhängenden Netzwerk aus Luftschutzräumen umgebaut, das heute noch gut erhalten ist. Damals muß die ganze Wiener Innenstadt mit einem solchen Netz aus unterirdischen Gängen verbunden gewesen sein. Da wegen der dichten Bebauung keine Bunker – mit Ausnahme der Flaktürme (s.u.) – angelegt werden konnten, wurden die vorhandenen Keller zu Luftschutzräumen umfunktioniert, die wohl nur unzureichend Schutz boten. Die Durchbrüche und Gänge zwischen den Kellern der einzelnen Häuser wurden nach dem 2. Weltkrieg aus Sicherheitsgründen wieder zugemauert. In der Hautpost weisen noch heute Beschriftungen an den Wänden der leeren Kellerräume den Weg zu Aufenthaltsräumen, Sanitäranlagen und Notausgängen; ein Leitsystem aus mit fluoriszierender Farbe gemalten Feldern, das noch heute funktioniert, sollte bei Stromausfall die Orientierung sichern und ein bißchen Licht in die Räume bringen. Die äußerst schmalen Verbindungsgänge zwischen den unterschiedlich hohen Kellerräumen der einzelnen Gebäudeteile, die zudem auf unterschiedlichen Niveaus liegen, verstärkten das beklemmende Gefühl auf unserem Rundgang.

Luftschutzräume gab es ansonsten nur in den Flaktürmen, die in Wien – wie sonst nur in Berlin und Hamburg – zwischen 1942 und 1945 errichtet wurden. Insgesamt gibt es in Wien sechs solche Hochbunker, wobei jeweils ein Gefechtsturm und ein Leitturm ein Paar bilden. Auf dem Dach des Gefechtsturms standen jeweils vier große Fliegerabwehrgeschütze, auf dem Dach des Leitturms ein Funkmessgerät. Wegen der starken Erschütterungen konnten die Geschütze nicht auf demselben Turm montiert sein wie die sensiblen Messgeräte. Auf den Auskragungen der unteren Plattformen aller Türme standen kleinere Flakgeschütze, um eventuelle Tieffliegerangriffe abzuwehren. In den unteren Etagen der Hochbunker befanden sich Luftschutzräume für die Zivilbevölkerung, die insgesamt Platz für 40.000 Personen boten, sowie Spitäler, und erst in den oberen Etagen lagen administrative und militärische Räumlichkeiten. Die Bunkerpaare sind in einem Dreieck um die Innenstadt herum angeordnet. Sie wurden dort gebaut, wo gerade Platz war, meist in Parkanlagen. Als erstes wurde die Anlage im 3. Bezirk errichtet. Im kleinen Arenbergpark stehen die beiden Türme ungewöhnlich nah beieinander. Der Gefechtsturm ist zugleich der größte der sechs Wiener Hochbunker. Heute wird der Turm durch die zeitgenössische Sammlung des Museums für Angewandte Kunst genutzt, die jedoch derzeit nicht zugänglich ist, weil der Turm wegen erheblicher Sicherheitsmängel saniert werden muß.

Bei den vier später errichteten Flaktürmen mußte Material gespart werden, weshalb sie einen anderen Grundriß aufweisen. Die Gefechtstürme sind nicht mehr viereckig wie derjenige im Arenbergpark, sondern fast rund, und an den Leittürmen sind die Auskragungen für die unteren Flakgeschütze an den Ecken statt an den Langseiten angebracht. Als erstes wurde auf diese Weise das Bunkerpaar um die Mariahilfer Str. gebaut. Der Leitturm im winzigen Esterházy Park beherbergt heute das Haus des Meeres, ein Aquarium und kleiner Indoor-Zoo mit einer außen an den Turm angebauten Tropenhalle, in der Äffchen herumturnen. Ich bestieg an einem brennend heißen Sommertag die untere Plattform, von der aus man einen hervorragenden Blick über die Stadt hat. Der zugehörige Gefechtsturm liegt in der Stiftskaserne und wird noch heute militärisch genutzt. Angeblich befinden sich darin auch Schutzräum für die Staatsspitze..

Das jüngste und zugleich höchste Bunkerpaar liegt nur wenige Minuten von meiner Wohnung entfernt im Augarten. Die beiden Türme sind ungenutzt, der Gefechtsturm ist außerdem im oberen Bereich beschädigt, seit 1946 spielende Kinder mit darin gelagerter Munition eine Explosion auslösten. Der Augarten besticht übrigens nicht nur durch seine bizarre Mischung aus Barockgarten und Betonkolossen, sondern auch durch die Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, die Sammlung von Francesca Habsburg, die kleine, aber feine wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zeigt, und ihr Museumslokal “Die Au”, auf dessen idyllischer, schattiger Terrasse sich so manche Köstlichkeit genießem läßt!


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Wiener Eis-Guide

Der Trend zu gutem Eis in Wien geht weiter, auch in diesem Jahr eröffnen überall neue Eisdielen mit hohem Anspruch. Hier ein kleiner Überblick über drei hochgelobte Läden, die ich ausprobiert habe: 1) “Leones”, in der Nähe des Unicampus gelegen und somit für mich in Laufweite, gibt sich als eine Mischung aus Öko und Italienisch. Ich probierte Fior di Latte und Anguria (Wassermelone). Solides Eis, aber vom Hocker gehauen hat es mich nicht. Vor allem das Fior di Latte-Eis – der ultimative Qualitätstest – schmeckte eher langweilig. 2) Mein absoluter Favorit diesen Sommer ist “Schelato” in der Josefstadt. Der Laden ist mit Mosaik-Eistheke kreativ und nicht zu klassisch ausgestattet. Alles Eis ist aus sorgfältig ausgewählten Bio-Zutaten, Sorten wie Rote Rübe-Mohn bei meinem ersten Besuch oder zuletzt Granatapfel-Basilikum und Weichsel-Oregano kommen zudem meinem Hang zu ausgefallenen Geschmäckern entgegen ;-) 3) Schließlich leider überhaupt nicht zu empfehlen ist “Gefrorenes – Eis wie damals”, obwohl es meiner Haustür am nächsten liegt. Das Karamell-Eis war einfach nur quietschsüß, und Orange-Ingwer schmeckte, als sei es mit der Schale gespritzter Orangen gemacht worden, und ließ mir die Schleimhäute im Mund anschwellen. Sicher nicht wieder. Zum Glück gibt es ja im “Naschsalon” ganz in meiner Nähe inzwischen das Eis vom “Eisgreissler”, und das ist weiterhin gut!


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Wienfluß unter- und oberirdisch

Zwei Freundinnen nahmen mich mit auf die 3. Mann Tour. Ausgerüstet mit Helm und Stirnlampe stiegen wir am Karlsplatz auf den Spuren des 1949 gedrehten Thrillers in den Untergrund. Nachdem wir in einen der ältesten Kanäle Wiens hineingeschaut hatten, ging es durch schmale Gänge in die Überfallkammer, in der der Ottakringerbach in den linken Wienflußsammelkanal mündet. Dort wurde die berühmte Verfolgungsszene des Films gedreht, die wir an die feucht glänzende Wand projeziert bekamen. Zum Dreh war das Becken allerdings mit Frischwasser gefüllt worden, und dennoch weigerte sich Orson Welles angeblich, dort zu arbeiten. Weiter ging es dann noch eine Station tiefer zum Wienfluß, der an dieser Stelle unterirdisch verläuft und erst am Stadtpark wieder ans Licht kommt, bevor er an der Urania in den Donaukanal mündet. Geradezu ehrfürchtig standen wir in dem weiten, hohen Gewölbe – einer Kathedrale gleich. Leider reichte der Blitz meiner Kamera nicht aus, um dort ein vernünftiges Foto zu machen, aber im Video zu Falcos “Jeanny”, das ebenfalls dort gedreht wurde, kann man einen Eindruck davon bekommen.

Ein paar Wochenenden später machte ich mich auf ans andere Ende des Wienflusses nach Hütteldorf. Es erwartete mich ein eigenwilliges Amlagam aus Beton, Biotop und Street Art. Der Fluß verläuft oberirdisch, gesäumt von einem betonernen Spazierweg und einer auf Betonpfeilern ruhenden Straße. Nicht gerade das, was ich mir unter einem natürlichen Flußlauf vorstelle. Ein bißchen gruselig war dann der Abzweig vorbei an bunt gestalteten Brückenpfeilern und kampierenden Zigeunern, der mich nach kurzer Zeit zu den Rückhaltebecken führte. Die zwischen 1895 und 1899 errichteten Becken sollen, wenn nötig, das rasch anschwellende Hochwasser auffangen. Hier macht sich nicht nur die Natur breit, sondern auch die Street Artists. Da ich keine Gummistiefel mit hatte, konnte ich jedoch nicht weiter in das Biotop vordringen. Also ging es wieder zurück zum offiziellen Spazierweg entlang der Umfassungsmauer der Becken bis zur Schleuse in Maria Brunn.