Häferlkaffee


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Was ich aus Wien vermissen werde

Heute zum Jahreswechsel gibt es einen kurzen Rückblick auf die schönen Seiten Wiens. Natürlich gibt es auch Dinge, denen ich keine Träne hinterherweinen werde, wie die verrauchten Lokale (die es wohl auch noch länger geben wird, nachdem die neue österreichische Regierung angekündigt hat, das für 2018 geplante Rauchverbot zu kippen), die reglementierenden Zäune in den viel zu ordentlichen Parks, die fehlenden Straßenbäume, die aggressiven Autofahrer, die Dauerbaustelle vor meinem Fenster und die engen, versiegelten Gassen, die sich im Sommer in tropische Wüsten verwandeln, während im Winter der Wind hindurchpfeift.

Ganz abgesehen von den vielen lieben Freunden und Kollegen, die mir jetzt schon fehlen, gibt es vieles, was ich in den sechs ereignisreichen Jahren an Wien zu schätzen gelernt habe und was ich sicher sehr vermissen werde.

1) Der Donaukanal mit seiner immer neuen Street Art und den lässigen Lokalen. Als ich den Donaukanal entdeckt habe, wußte ich, daß ich mich in Wien wohlfühlen kann. Im Gegensatz zum Rest der Stadt, der mir größtenteils doch zu ordentlich und konservativ ist, ist der Donaukanal einer der wenigen Orte in Wien, an dem es noch Freiräume gibt. Leider wird auch er mit schicken Lokalen und Werbe-Events zunehmend kommerzialisiert und gentrifiziert.

2) Der Karmelitermarkt. Mein all-samstägliches Ritual: am Donaukanal entlang zum Karmelitermarkt im 2. Bezirk spazieren oder mit dem Fahrrad fahren, um für die Woche einzukaufen. Zugegeben, der Markt ist mit seinen vielen Lokalen und Krimskrams-Ständen schon ziemlich Bobo, wie der Wiener die “bourgeois bohemians” nennt, die dort vorzugsweise einkaufen. Aber die reichliche Auswahl an Bio-Obst und Gemüse aus der Region, Blumen, Brot, Käse und Schinken ist schon einmalig!

3) Der Wiener Sommer. Im Sommer fand ich Wien eigentlich immer am schönsten. Da locken nämlich zahlreiche Open-Air-Konzerte und Sommerkinos, vieles davon mit gratis Eintritt, die Wiener nach draußen – ganz wie beim ‘Estate Romana’, den ich in Rom immer so genossen habe. Beim Donaukanaltreiben, Popfest auf dem Karlsplatz oder dem traditionsreichen Donauinsel-Fest habe ich neue österreichische Bands entdeckt, und auf immer wechselnden Plätzen in der Stadt gab es auf großer Leinwand Filme zu sehen, die ich mir sonst wahrscheinlich nie angeschaut hätte.

4) Im Sommer mal schnell in die Alte Donau hüpfen. Dieser Altarm der Donau heizt sich zwar im Laufe des Sommers auf, und beim Schwimmen kitzeln einem die Unterwasserpflanzen an den Füßen, wenn sie nicht gerade frisch gemäht sind. Doch zu verlockend war das kühle Naß im heißen Sommer: schnell vom Büro aus mit der U-Bahn oder mit dem Fahrrad zur Romawiese, ein paar Runden im Wasser gedreht und abschließend beim Birner noch eine Kugel Kürbiskernöl-Eis geschleckt :-)

5) Die Festwochen. Das Theaterfestival war ein fester Bestandteil meines Wiener Frühsommers. Jedes Jahr war ich aufs Neue beeindruckt, was für hochkarätige Produktionen aus aller Welt die Intendanten zusammengetrugen! Ich habe dort Inszenierungen aus Italien, dem Libanon, Iran und anderswo und beeindruckende zeitgenössische Opern gesehen. Dazu gab es immer eine gute Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Im November folgte dann das Wiener Filmfestival Viennale, wo ich ganz ohne Anstehen viele internationale Filme angeschaut habe.

6) Die Nähe zum Wienerwald. Was ich in Wien ganz besonders geliebt habe, waren meine Wanderungen im Wienerwald. Schnell ist man aus der Stadt im Grünen. Im Laufe der Jahre bin ich sämtliche Stadtwanderwege abgegangen und sogar einmal rundumadum Wien gewandert. Meine Stammstrecke war aber der Kahlenberg, die ich bequem mit der Straßenbahn vor meiner Haustür erreichte. Besonders gerne bestieg ich auch den Bisamberg und kehrte auf dem Weg bei meinem liebsten Buschenschank in einem verwunschenen Weingarten ein. Überhaupt bringt die Nähe zu den Weinbergen die Heurigen mit sich, wo ich so manch schönen Abend mit Freunden verbrachte! Wenn man aus Berlin kommt, kennt man ja eigentlich nur ‘Weiß- und Rotwein’, in Wien lernte ich die Unterschiede zwischen den Rebsorten schätzen. Und natürlich den unwiderstehlichen, gefährlichen Sturm, den noch gärenden neuen Wein, der zum Ausklang des Sommers gehört!

Es gibt also genug Gründe, wieder nach Wien zu kommen!

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Drei-Länder-Urlaub 3b: Slowenien – Kalter Fluß und wunderschöne Landschaft

In Slowenien ersetzte die Nadiža unseren italienischen Pool. Ich konnte es selbst kaum glauben, aber mit etwas Überwindung konnte ich tatsächlich in diesem gar nicht mal sooo kalten Bergfluß schwimmen! Auf dem Rückweg von unseren Ausflügen machten wir daher meist an unserer Lieblingsbadestelle an der Napoleon-Brücke halt, um uns zu erfrischen oder um stundenlang einfach nur die kleinen Welse im Wasser zu beobachten. Perfekt getarnt lagen sie auf der Lauer und versuchten, noch kleinere Fische zu erwischen (was ihnen zumindest in unserer Gegenwart leider nie gelang). Die wildere Soča erkundeten wir eines Tages mit dem Kanu – wenn auch nicht auf dem schnellen Teil, sondern auf dem etwas “gemütlicheren” zwischen Kobarid und Tolmin, wo es für meinen Geschmack aber immer noch zuviele Wildwasserstrudel gab. Einen ganzen Tag verbrachten wir auf und im ;-) Wasser, rasteten auf Kiesbänken und in verwunschenen kleinen Buchten und genossen – wenn wir uns nicht zu sehr auf das Wildwasser konzentrieren mußten – das Bergpanorama um uns herum.

Und dann waren da noch die schönen Wasserfälle, die wir auf unseren Wanderungen erkundeten, und die wilde Tolminka-Schlucht, die stellenweise so eng ist, daß sie an den Siq in Petra erinnert!

Insgesamt sind wir nicht so viel herumgekommen und haben nicht so viel von Slowenien gesehen, wie wir uns ursprünglich vorgenommen hatten. Dafür war es in unserer idyllischen Bergwelt einfach zu schön! Nur einmal wagten wir uns aus unserem Nest hinaus und nahmen die weite Fahrt ins Karstgebiet auf uns, um die Höhle von Postojna zu besichtigen. Die riesige Tropfsteinhöhle ist seit den 1870er/80er Jahren, als eine Höhlenbahn und elektrischen Licht installiert wurden, eine Touristenattraktion und heute vollkommen auf Besuchermassen ausgerichtet. In den immerhin 5 der erforschten 24 km Höhlengänge, die wir mit einer Führung besichtigen konnten, war es wuseliger als auf einem Flughafen – und dennoch waren die großen Säle und vielfältigen Tropfsteinformationen wirklich beeindruckend. Besonders hatten es mir auch die Grottenolme angetan, die man in einem Aquarium in der Höhle beobachten konnte. Absolutes Disneyland erwartete uns dann in der nahegelegenen Burg Predjama. Die Burg, die in ihrem heutigen Zustand aus dem 16. Jh. stammt, ist in bzw. an eine natürliche Höhle herangebaut, was aus der Ferne durchaus malerisch wirkt. Wäre da nicht wieder der ganze Rummel und das funkelnagelneue, völlig frei erfundene Pseudo-Mittelalter im Innern der Burg. Irgendwelche soliden historischen Fakten suchte man jedenfalls vergebens…

Insgesamt hat uns Slowenien sehr gut gefallen, und da wir so vieles noch nicht gesehen haben, müssen wir wohl einfach nochmal wiederkommen!


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Drei-Länder-Urlaub 3a: Slowenien – An der Isonzo-Front

Die längste Zeit unseres Urlaubs verbrachten wir in Slowenien im kleinen, abgelegenen Dörfchen Robidišce in den Bergen oberhalb des Natisone, der jetzt Nadiža hieß, kaum 500 m von der italienischen Grenze entfernt. In dem verschlafenen Örtchen mit seinen alten Steinhäusern fühlten wir uns wie am Ende der Welt. Außer einigen rasenmähenden Nachbarn, krähenden Hähnen und einem mysteriösen Lastwagen, der das Dorf als verbotene Abkürzung nach Italien nutzte, war dort nämlich absolut nix los. Wie wir diese Ruhe genossen! Wir wohnten wieder in einem alten Steinhaus, das zwar etwas kleiner und weniger luxuriös war als in Italien. Dafür aber gehörten dazu eine wunderschöne, große Wiese und ein Gemüsegarten, aus dem wir uns nach Herzenslust bedienen durften. Wir schwelgten in frischen Salaten direkt aus dem Garten, und zum Frühstück gab es frische Eier von den hauseigenen Hühnern – ein absolutes Highlight!

In Slowenien war das großes Thema, das bis heute die Landschaft prägt und uns auf unseren Ausflügen beinahe auf Schritt und Tritt begleitete, der 1. Weltkrieg. Von Mai 1915 bis Oktober 1917 verlief in den Julischen Alpen und entlang des Flusses Soča/Isonzo die Front zwischen Österreich-Ungarn und Italien. In erbitterten Kämpfen in bis zu 2000 m Höhe und bei schwierigsten Witterungsverhältnissen fielen dort auf beiden Seiten hunderttausende Soldaten – für minimale Gebietsgewinne. Erst im Herbst 1917 gelang es den Österreichern mithilfe der Deutschen, Kobarid einzunehmen und bis an die Piave vorzudringen. Aufgrund dieser wechselhaften Geschichte haben alle Orte in der Region auch italienische und deutsche Namen. Ehemalige Stellungen der Österreicher und Italiener durchziehen die Landschaft und führen mit ihrer traumhaften Aussicht und wunderschönen Bergkulisse die Absurdität des Krieges vor Augen. Vor allem aber erschütterten uns die Toten, die uns immer wieder auf Gefallenenfriedhöfen begegneten. Kobarid – italienisch Caporetto, deutsch Karfreit -, das von unserem Bergdörfchen aus der nächstgrößere Ort war, fiel nach dem 1. Weltkrieg an Italien. Unter Mussolini wurde dort die Antoniuskirche zu einem Beinhaus umgebaut. Bedrückend, die Namen der über 7000 gefallenen Soldaten zu lesen, die dort ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Die Deutschen errichteten 1936-1938 in der Nähe von Tolmin ihr Beinhaus, in dem etwa 1000 Soldaten beigesetzt sind. In Einklang mit nationalsozialistischer Ideologie wird das Grab des unbekannten Soldaten nur bei Sonnenwende von Sonnenstrahlen beschienen. An einen kleinen Teil der österreichischen Gefallenen erinnert die kleine Heiliggeist-Kirche in Javorca bei Tolmin. Es war eine abenteuerliche Fahrt auf schlechter, schmaler Straße, bis wir diese Kirche auf einer Alm mitten im Nirgendwo erreichten. Einst standen dort österreich-ungarische Baracken, jetzt steht die Kirche fast allein in friedlicher Landschaft. Weder kann man sich vorstellen, was sich dort während des Krieges abspielte. Noch rechnet man damit, dort plötzlich auf schönsten Wiener Jugendstil zu treffen, in dem der Wiener Maler und Bühnenbildner Remigius Geyling, damals Oberleutnant, die Kirche ausstattete. Die Tafeln an den Wänden nennen die Gefallenen – 2564 Namen sind dort verzeichnet. Nach dem Krieg verlief in diesem Gebiet dem Vertrag von Rapallo zufolge die Grenze zwischen Italien und Jugoslawien, von der auf der Polog Alm hinter der Kirche zahlreiche italienische Bunker zeugen. Die anschließende Wanderung nach unserem Kirchenbesuch gehörte dann zu den schönsten des Urlaubs: fast ganz allein wanderten wir bei traumhafter Bergkulisse über Almen und durch Wälder und überquerten mit einer Handseilbahn den Fluß Tolminka.

Nur eines muß eine Legende sein: Daß Hemingway, der als Freiwilliger auf Seiten der Italiener als Krankenwagenfahrer am Krieg teilnahm, selbst in Kobarid stationiert war und sich eventuell in dem Haus am Stadtrand, in dem sich heute das hervorragende Lokal Hiša Franko befindet, sogar von einer Kriegsverletzung erholt hat. In seinem Roman “A Farewell to Arms”, den ich nach der Reise verschlang, schreibt Hemingway zwar in den Worten seines Protagonisten Frederic zu Caporetto/Kobarid: “I remembered it as a little white town with a campanile in a valley. It was a clean little town and there was a fine fountain in the square.” 1918 jedoch, als Hemingway an die Front kam, war Kobarid bereits von den Österreichern besetzt. Die Geschehnisse, die sein Protagonist Frederic 1915-1917 an der Isonzo-Front durchsteht, hat er also nicht selbst erlebt – zu diesem Zeitpunkt war Hemingway noch auf der Highschool.

 


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Drei-Länder-Urlaub 1: Österreich – In der Provinz Noricum

Unser Sommerurlaub führte uns dieses Jahr mal in ein anderes Dreiländereck: nach Österreich, Italien und Slowenien. Als Auftakt ging es ins österreichische Kärnten, wo ich endlich die bedeutenden Stätten der römischen Provinz Noricum sehen wollte, von denen ich in unzähligen Diplomprüfungen schon so viel gehört hatte. Wir wohnten im Mölltal in einer gemütlichen Ferienwohnung, von deren einem Balkon (es gab gleich zwei!) wir einen herrlichen Blick auf die umliegenden Berge hatten – unser Lieblingsplätzchen für einen Kaffee mit Kärntner Reindling und ein gutes Buch.

Einen Tag widmeten wir den Römerstädten im Osten Kärntens. Wir begannen am Magdalensberg, wo sich römische Präsenz, noch bevor Noricum um 15 v. Chr. ins Römische Reich eingegliedert wurde, manifestiert. Unterhalb des Gipfels, der einen fantastischen Rundumblick bietet, entstand ein römischer Handelsstützpunkt für die Verarbeitung und den Handel mit norischem Eisen. Im Zentrum steht ein gewaltiger Tempel, den man einst von weit im Tal aus gesehen haben muß. Unter Claudius wurde die Siedlung auf dem Magdalensberg aufgegeben und im Tal am Zollfeld Virunum als neue Hauptstadt der inzwischen Provinz Noricum errichtet. Von der Stadt Virunum ist heute nur noch das etwas eigentümliche, weil merkwürdig langgestreckte und asymmetrische Amphitheater zu sehen. Was jedoch vom Reichtum und der romanitas der Bewohner zeugt, sind die zahlreichen ‘Römersteine’, die überall am Zollfeld als Spolien verbaut sind. Besonders idyllisch ist das ‘Prunnerkreuz’, eine kleine Kapelle, Ende des 17. Jhs. von einem der ersten Erforscher der Römerstadt, Johann Dominikus Prunner, errichtet. Er glaubte jedoch noch, dort die Stadt Sala lokalisieren zu können, wie auch eine Inschrift auf einem der eingemauerten Grabsteine verkündet. Mit besonders beeindruckenden Römersteinen wartet die Kirche von Maria Saal auf. An den Außenmauern sind die schönsten Stücke vermauert, aber auch im Innern ist vom Weihwasserbecken bis zum Opferstock alles Römerstein, sogar einen römischen Kindersarkophag gibt es beim Grab des Heiligen Modestus! Zuletzt fuhren wir zum Hemmaberg, wo sich ein gewaltiges Pilgerzentrum aus dem 6. Jh. erstreckt. Gleich vier große Kirchen wurden dort errichtet: eine Doppelkirchenanlage für die katholische und eine für die arianische Gemeinde, denn das Gebiet gehörte ab 493 für einige Jahrzehnte zum arianischen Ostgotenreich Theoderichs. Woher kamen all die Pilger? Heute ist es jedenfalls herrlich ruhig dort oben. Am Fuß des Berges sind in Globasnitz, dem römischen Iuenna, die Mosaiken und weitere Funde aus den Kirchen ausgestellt. Als Abschluß des langen Tages kehrten wir schließlich noch im Fischrestaurant der Familie Sicher in Tainach ein. Der Gastgarten war wie ein kleines Paradies, der Saiblingskaviar auf Saiblingscarpaccio aus eigener Zucht mit einem Hauch von Wildkräutersalat ein Gedicht – für mich das beste Gericht des ganzen Urlaubs!

Ganz in der Nähe von unserem Domizil lag Teurnia/St. Peter in Holz. Auch dies war einst eine bedeutende Stadt, die in den letzten Jahren römischer Herrschaft sogar Virunum als Provinzhauptstadt ablöste. In der Friedhofskirche ist in einer der Seitenkapellen ein wirklich schräges Mosaik erhalten, das in seeehr provinziellen Stil einerseits altbekannte Motive, andererseits kreative Neuschöpfungen wiedergibt. Auch die Bischofskirche beeindruckte wieder mit ihrer enormen Größe. Besonders gut gefiel uns das Museum, das in einer ehemaligen Scheune untergebracht ist und wieder viele schöne Römersteine barg. Zu Teurnia gehörte wohl auch das Heiligtum auf dem Danielsberg. Dieser 966 m hohe kegelförmige Hügel erhebt sich mitten im Mölltal – prädestiniert für ein Heiligtum. Auch heute steht oben noch eine Kirche, die man schon von Weitem sieht, wenn man ins Tal hineinfährt. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie ein Tempel an ihrer Stelle ins Tal gestrahlt haben muß. Wie eine in der Kirche vermauerte Inschrift vermuten läßt, war er Hercules geweiht. Der Aufstieg begann quasi vor unserer Haustür und war gar nicht so leicht, wie wir ihn uns vorgestellt hatten. Dafür wurden wir oben mit einem fantastischen Blick über das Mölltal, einigen schönen Römersteinen in der Kirche und einem netten Lokal belohnt.

Ganz ohne Römer ging es schließlich noch zum Großglockner, mit 3798 m Österreichs höchster Berg. Naja, so richtig rauf wagten wir uns dann doch nicht, sondern genossen den Blick auf seine verschneite Spitze lieber vom gegenübergelegene Schareck. Dort kann man bequem von Heiligenblut aus mit der Bergbahn bis auf etwa 2600 m Höhe hinauffahren. Oben angekommen gingen wir einen Rundwanderweg in unwirtlicher, karger, doch dadurch auch umso faszinierenderer Landschaft, vorbei an Karsthöhlen, Felsspalten und der tiefen Mauskarscharte, die man über einem ganz schmalen Grad passierte. Das Szenario war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend!


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Grenzspaziergänge zu Ostern

Die Ostertage verbrachten wir dieses Jahr in Aachen. Begleitet von vorzeitigem Aprilwetter machten wir uns am Karfreitag auf dem Weg nach Belgien – von den jüngsten Ereignissen wollten wir uns nicht aufhalten lassen. Unser Ziel war das Hergé-Museum in Louvain-la-Neuve, dem “neuen Leuven“, einer Planstadt, die als neue Bleibe des französischsprachigen Teils der Uni Leuven gegründet worden war, nachdem sich dieser in den 1960er Jahren im Zuge des flämisch-wallonischen Konflikts vom flämischsprachigen Teil abgespalten hatte. Die Stadt präsentierte sich uns in ihrer einheitlich fantasielosen Backstein-Architektur wahnsinnig steril, wirkte aber für das uninspirierende Ambiente recht lebhaft. Umso mehr vermochte uns das erst 2009 eröffnete Museum zu begeistern! Es verwahrt Hergés Nachlaß aus seinem Studio: Modelle und Zeichnungen in allen Arbeitsstadien, die es ermöglichten, Hergés Arbeitsweise und den Entstehungsprozeß der Comics nachzuvollziehen. Fotos, allerlei Hintergrundinformationen und viele liebenswürdige kleine Gimmicks – z.B. liegt das Museum in der Rue Labrador Nr. 26, hat also dieselbe Adresse wie Tim in Brüssel – ließen das Herz eines echten Tim-und-Struppi-Fans wie mir höher schlagen! Schön war auch, daß es nicht nur um Tim und Struppi ging, sondern auch die anderen Serien von Hergé beleuchtet wurden. Ein ausnahmsweise mal wirklich informativer und nett gemachter Audioguide leitete durch die Ausstellung. Abschließend dürfte ich mich meiner Leidenschaft im gut sortierten Museumsshop hingeben :-)

Am Samstag nutzten wir das gute Wetter zu einem Spaziergang rund um den deutsch-belgischen Grenzübergang Köpfchen an Aachens Stadtgrenze. Ausgehend vom ehemaligen Personenkontrollkiosk, der heute als Kunstgalerie genutzt wird, führte der Weg uns zu den Grenzanlagen vergangener Jahrhunderte. Zunächst gelangten wir zu den verknorzelten Grenzbuchen des Aachener Landgrabens, der etwa vom 15.-18. Jh. die Grenzen des Aachener Reiches gesichert hatte und durch die einst dichte Buchenhecke quasi unpassierbar war. Auch ein Grenzstein mit dem Aachener Adler fand sich noch im Gelände. Am anderen Ende des Weges stießen wir dann mitten im Wald auf die Panzersperren des Westwalls, der durch seine unkaputtbare Präsenz immer wieder aufs Neue fasziniert.

Auf der Rückfahrt machten wir noch kurz Halt am Aachener Bismarck-Turm, einem einzigartigen, aber zugleich auch besonders kitschigen Exemplar dieser Gedenktürme. Der von dem Aachener Architekten Georg Frentzen in den Jahren 1905-1907 auf dem Ehrenfriedhof errichtete Turm hat nämlich die Form eines stilisierten B, geschmückt mit Büsten von Bismarck, Moltke und Roon über den Torbögen. Leider ist der Turm nur wochentags geöffnet, weshalb wir uns die Turmbesteigung für ein anderes Mal aufsparen mußten.

Unser Ostersonntagsausflug führte uns schließlich nach Köln. Anlaß war die Agrippina-Ausstellung des Römisch-Germanischen Museums, in der zum allerersten Mal der römische Körper und der Kopenhagener Kopf der schwarzen Agrippina-Statue zusammen zu sehen waren. In Wien hatte ich mich extra schon mit dem Besuch von Händels Oper “Agrippina” auf diesen Ausstellungsbesuch vorbereitet, und in Aachen hatten wir am Vorabend den neuen Kölner “Mamma Nero” Kräuterlikör gekostet. Aber alles half nichts. Die schwarze Agrippina war es natürlich wert, aber ansonsten war die Ausstellung ziemlich klein, und darüber, was die restlichen Exponate zusammenhielt, konnten wir nur mutmaßen. Insgesamt blieb Agrippina jedenfalls erstaunlich blass. Also hatten wir noch genügend Zeit, um ein Sonnenloch für einen Osterspaziergang auf der andere Seite des Rheins zu nutzen. An einem Hang im Rheinpark gingen wir unserem traditionellen Ostereierrollen nach und verspeisten die Verlierereier mit der ebenso traditionellen selbstgemachten Grünen Soße.


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Grenzenlose Freiheit auf dem Teufelsberg

An einem sonnigen Sonntag Anfang Februar machte ich in Berlin einen geradezu nostalgischen Spaziergang: meine alte Sonntagsrunde auf dem Teufelsberg, an dessen Fuß ich immerhin mal 5 Jahre lang gewohnt habe. Der Teufelsberg ist kein natürlicher Berg, sondern entstand von 1950 bis 1972 aus dem Trümmerschutt des 2. Weltkriegs und zwar an der Stelle, wo sich einst der Rohbaus der Wehrtechnischen Fakultät befand, die zur Welthauptstadt Germania hätte gehören sollen. Bis vor Kurzem galt der Teufelsberg mit seinen 120,1 m als höchster Berg Berlins – im letzten Jahr haben ihn jedoch die Arkenberge, eine Bauschuttdeponie in Blankenfelde, mit 120,7 m Höhe übertrumpft. (Unerhört!!) Dennoch bietet bereits das immerhin 99 m hohe Plateau des ‘Kleinen Teufelsbergs’, das ich als erstes erklomm (und ich hatte ganz vergessen, wie anstrengend der Aufstieg über die Schleichwege ist), eine atemberaubende Aussicht auf die Innenstadt und den Grunewald, der hier endlos erscheint. Der Wind blies ordentlich, Kinder ließen ihre Drachen steigen, und mich überkam bei der Weite ein Gefühl von grenzenloser Freiheit.

Nach einer kurzen Pause zum Aufwärmen mit einer heißen Schokolade im Ökowerk, einem Naturschutzzentrum im ehemaligen Wasserwerk am Ufer des Teufelssees, meiner früheren sommerlichen Badestelle, ging es weiter auf den eigentlichen Teufelsberg. Dort steht mitten im Wald die Ruine der Field Station, der ehemaligen Abhöranlage der Briten und Amerikaner, mit der der Ostblock abgehört wurde. Als ich noch in der Nähe gewohnt habe, war das eingezäunte Gelände abgeriegelt. Seit einigen Jahren war es nun durch Führungen zugänglich, von denen mir Freunde schon vorgeschwärmt haben. Leider habe ich die Gelegenheit verpaßt, die Anlage auf diese Weise kennenzulernen, denn seit letztem Herbst gibt es einen neuen Pächter, und der scheint nur eines im Sinn zu haben, nämlich mit dem Gelände Geld zu verdienen. So konnte man statt mit einer Führung für einen saftigen Eintrittpreis das Gelände auf eigene Faust erkunden – was durchaus auch seinen Reiz hatte, nur zur Geschichte der Gebäude erfährt man auf diese Weise rein gar nichts. Ich nutzte dennoch die Gelegenheit, mir das Gelände mal anzuschauen. Von den alten Anlagen ist im Innern der Gebäude kaum etwas geblieben. Lediglich zwei Pressen, mit denen geschreddertes und gewässertes Papier zu Blöcken gepresst wurde, konnte ich entdecken. Seit der Investor, der dort einst Lofts und ein Hotel plante, insolvent gegangen ist, haben Street Art-Künstler das Gelände gänzlich in Beschlag genommen. Auch einige Bekannte vom Wiener Donaukanal entdeckte ich dort. Wirklich frei bewegen konnte man sich eigentlich nur in dem Hauptbetriebsgebäude. Dort sind die Außenwände entfernt, und auf den zwei oberen Etagen ist eine Street Art-Galerie auf eigens dafür nachträglich eingezogenen Wänden eingerichtet. Etwas gruselig waren die dunklen Treppenhäuser, erleuchtet nur von der Handy-Taschenlampe, die auf das Dach des Gebäudes führen. Dort kann man die beiden Radome betreten, die Antennenkuppeln, in denen sich einst drehbare Satellitenschüsseln befanden. Die Aussicht von dort oben war fantastisch, vor allem wirkte der ‘Kleine Teufelsberg’ richtig winzig! Zu guter Letzt bestieg ich noch den Hauptturm. Die einzelnen Etagen konnte man nicht betreten, weil sie vollkommen ungesichert sind. Die einstige radardurchlässige Verkleidung ist zudem völlig zerfetzt und peitschte im Wind hin und her. Oben war die Kuppel, anders als bei den niedrigeren Radomen, zu meiner Überraschung noch vollkommen intakt – dort war man völlig abgeschnitten von der Außenwelt. Mit gemischten Gefühlen stieg ich den Berg wieder herunter. Ich hoffe, es findet sich eine sinnvolle Nutzung für die Anlage, mit einwenig Erschließung – z.B. ein Café auf dem Dach, ein kleines Museum oder zumindest Tafeln oder ein kleiner Führer, und Toiletten -, bei der aber doch der ruinöse Charme gewahrt bleibt.

Hier ein paar Bilder, wie die Anlage noch um 2000 herum ausgesehen hat: http://dasalte.ccc.de/teufelsberg/index.html


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Grenzgänge II: Wanderslust zwischen Dreiländereck und Eifel

Von Berlin aus ein Abstecher nach Aachen. Wir nutzten das gute Wetter für Wanderungen und starteten zunächst am Dreiländerpunkt. Die Stelle, wo die Grenzen Deutschlands, der Niederlande und Belgiens zusammenlaufen, markiert ein 1925 nach dem Friedensvertrag von Versaille aufgestellter Grenzstein, am Boden ist der Verlauf der Grenzen eingezeichnet. Auf der niederländischen Seite, wo sich auch der mit 323 m höchste Punkt der Niederlande befindet, hat sich ein ziemlicher Rummel entwickelt. Also schnell weiter in den Wald. Immer wieder kreuzten wir auf dem Weg die deutsch-belgische Grenze, an der stellenweise noch der alte Landgraben zu sehen ist, der vom 12. Jh. bis Ende des 18. Jhs. die Grenzen des Aachener Reiches markierte. In der Art, wie sie sich in der Landschaft abzeichnen, erinnerten mich diese spitzen Gräben an das vallum des Hadrianswalls ;-) Weiter ging es nach Kelmis, heute in Belgien gelegen. Diese Gegend ist für das zur Messingherstellung benötigte Galmei berühmt, das vom Beginn des 19. Jhs. bis 1935 dort abgebaut wurde. Das alte Industriegelände und die Abraumhalde sind noch heute sichtbar. Die Galmeivorkommen waren auch der Grund, warum um Kelmis nach den Napoleonischen Kriegen das Territorium von Neutral-Moresnet eingerichtet wurde. Da sich die Niederlande (zu denen Belgien damals noch gehörte) und Preußen nicht hatten einigen können, wem die Bodenschätze zufallen sollten, beschlossen sie, das an der Grenze gelegene Gebiet gemeinsam zu verwalten. Das in der Folge neutrale Territorium war zwar nur 3,4 km² groß, dennoch wuchs seine Bevölkerungszahl beständig – nicht nur wegen der erfolgreichen Messing- und Zinkproduktion, sondern auch, weil man dort dem Wehrdienst entgehen und zudem noch legal Schnaps brennen konnte. Erst nach dem 1. Weltkrieg fiel Neutral-Moresnet dann endgültig an Belgien. Im weiteren Verlauf der Wanderung sollten uns immer wieder die Grenzsteine dieses Mini-Staates im Wald begegnen. Davon, dass dieses Teritorium auch schon früher umstritten war, zeugen wiederum andere Grenzsteine im Wald. Sie umgeben den Königswald, ein 2,29 km² großes Waldstück, das im 17. Jh. von Aachen, Kelmis, Moresnet und weiteren Orten beantsprucht wurde, so daß es schließlich dem Herzog von Burgund zugesprochen und mit eigenen Grenzsteinen abgesteckt wurde. Zurück am Dreiländerpunkt erklommen wir dann doch noch den Aussichtsturm und genossen den Blick über Aachen.

An einem anderen Tag wanderten wir zur Urfttalsperre. Zu ihrer Erbauungszeit zwischen 1900-1905 erzeugte die 226 m lange Staumauer den damals größten Stausee Europas, den Urftsee. Heute ist sie eine von mehreren Talsperren, die das Wasser von Rur und Urft in einer Kette von sich hintereinander schlängelnden Stauseen sammeln. Dennoch ist das gewaltige Bauwerk mit seinen Kaskaden noch heute sehr eindrucksvoll. Von der Mauer aus sieht man hinüber zur NS-Ordensburg Vogelsang auf der anderen Seite des Sees. Wir wanderten jedoch nicht dorthin, sondern stattdessen durch den Nationalpark Eifel zum Aussichtspunkt Hirschley, von dem aus wir einen toller Blick auf den Rursee hatten, einen weiteren in der Kette der Stauseen.