Häferlkaffee


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Ein vergessenes Mahnmal: das Monument Interallié in Liège

Unterwegs auf der belgischen Autobahn entdeckten wir einmal in der Ferne auf einem Hügel über Liège eine riesige Kirche, die keiner zu kennen schien. Nach kurzer Recherche identifizierten wir sie als das ‘Monument Interallié’. An einem regnerischen Dezembertag fuhren wir hin – übrigens unser letzter Ausflug aus Aachen.

Nach dem 1. Weltkrieg kam in der Internationalen Föderation der Veteranen der Wunsch auf, ein internationales Mahnmal für die Opfer des Krieges zu errichten. Nach langer Diskussion einigte man sich 1925 auf Liège als Standort, denn die strategisch wichtige Stadt war der ersten massiven Angriffsoperation der deutschen Streitkräfte zum Opfer gefallen. Vor einigen Jahren haben wir das zerstörte Fort Loncin besucht, das von der Einnahme der Stadt zeugt. Da auch das Bistum von Liège eine Kirche in Gedenken an die Weltkriegsopfer errichten wollte, entschied man schließlich, beide Projekte zu verbinden. Man beauftragte den Antwerpener Architekten Joseph Smolderen, und 1928 konnte mit dem Bau begonnen werden. Im Stadtteil Cointe wurde neben der Kirche Sacré Cœur ein 75 m hoher Turm als ziviles Mahnmal geplant. Doch es dauerte noch lange, bis die Anlage fertig werden sollte. Denn kaum hatte man mit dem Bau begonnen, ging auch schon das Geld aus. Man war beim Bau auf einen alten Kohlestollen unter dem Bauplatz gestoßen, der aufwendig mit eingeleitetem Zement abgestützt werden mußte. Dennoch wurde 1936 die Kirche geweiht, und 1937 konnte der belgische König Leopold III von dem zivilen Mahnmal wenigstens den Vorplatz für die Denkmäler der alliierten Länder einweihen. Im 2. Weltkrieg wurden die unvollendeten Gebäude schwer beschädigt. Erst lange nach Kriegsende wurden sie restauriert, so daß 1968 schließlich auch der Turm fertiggestellt und eingeweiht werden konnte. Heute kann er nur dreimal im Jahr von Publikum bestiegen werden und bietet wohl einen schönen Blick über Liège und sein Umland – wir hatten leider nicht das Glück, einen dieser Tage zu erwischen. Die einzelnen Monumente der Alliierten trafen offenbar nur spärlich ein. Die meisten Denkmäler, die heute auf dem offenen Platz, der “Salle des Pylones”, aufgestellt sind, stammen offenbar aus den 1980er/90er Jahren. Die wenigen Monumente in der meist unzugänglichen Krypta des Turms sind wohl älter. Die Kirche, als Zentralbau im neobyzantinischen Stil ausgeführt, ist heute entweiht und verfällt zunehmend. Ein eindrucksvolles Graffiti des Brüsseler Street-Art- Künstlers Bonom überzieht den bröckelnden Bau. Die fliegenden Vögeln erscheinen wie ein Hoffnungsschimmer, während sich an das große internationale Projekt, das ewig zum Frieden mahnen sollte, heute kaum mehr jemand zu erinnern scheint.

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documenta 14 – Teil 1: Von Athen lernen

Die documenta findet dieses Jahr zum ersten Mal richtig offiziell an zwei Standorten statt. Bevor es in Kassel losging, begann die documenta mit diversen Ausstellungen und Aktionen in Athen. Für uns eine willkommene Ausrede, malwieder in die griechische Hauptstadt zu fahren! Die documenta war in der gesamten Stadt verteilt. Fast in jedem Museum, in archäologischen Stätten und auf vielen Plätzen waren Kunstwerke der documenta ausgestellt oder fanden Performances statt. Auch in zahlreichen öffentlichen Gebäuden, in die man als gewöhnlicher Athen-Besucher sonst nicht so geht, gab es Kunst. So machte man ganz nebenbei auch einen kleinen Architekturrundgang. Besonders augenfällig war diesmal die aktuelle politische Ausrichtung der documenta: Themen rund um Flüchtlinge, Kolonialismus, Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit standen im Vordergrund. Auch der große Anteil an Performances, die zum Teil nur ein einziges Mal stattfanden, weshalb man sie als Besucher gar nicht richtig rezipieren konnte – sehr schade -,  war auffällig. Der Schwerpunkt auf Performances und die Themen Flucht und Kolonialismus begleiteten mich übrigens auch bei den diesjährigen Wiener Festwochen, die ich etwa zur selben Zeit besuchte.

In Athen gefiel uns die Ausstellung im Odeion, dem Athener Konservatorium, das als einziger Bau eines 1959 von der griechischen Regierung beauftragten Kulturzentrums realisiert worden ist, besonders gut. Die Ausstellung war dort in viele verschiedene Räumlichkeiten verteilt, von denen einige ganz offensichtlich schon lange nicht mehr genutzt worden waren, was dem Ganzen eine Aura des Verfalls verlieh, die so gut zur Stadt paßt (dazu gleich mehr). Gleichzeitig erweckten die Musikschüler und ein improvisiertes Café das Odeion zum Leben. Passend zum Ort lag ein Schwerpunkt der Exponate auf Musik. U.a. gab es Möbelinstrumente von Nevin Aladağ zu sehen, auf denen wir sogar ein Konzert hören konnten – eine unheimlich lässige, ungezwungene Veranstaltung, die Kunst zum Leben erweckte! Weiter ging es zum Megaro Mousikis, wo die Bilder des Athener Malers Apostolos Georgiou ausgestellt waren. Das leere, verwaiste Konzerthaus aus dem 1970er/80er Jahren, in dessen Foyers die Gemälde einfach auf den Fußboden gestellt waren, wirkte genauso surreal wie die Szenen auf den Bildern. Im EMST, dem bislang uneröffneten Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst, war die Hauptausstellung der documenta zu sehen. Untergebracht im ehemaligen Gebäude der Fix-Brauerei, das 1961 eingeweiht worden war, konnte man dort den modernen Umbau eines historischen Fabrikgebäudes in einem Ausstellungsraum erleben. Wahrscheinlich, weil von der ehemaligen Brauerei-Nutzung nichts mehr zu sehen war, wirkte die Ausstellung dort vergleichsweise kühl und steril. Ein absolutes Highlight war für mich schließlich der Philopappos-Hügel. In einem kleinen Pavillon neben dem Kirchlein des Agious Dimitrios Loubardiaris am Fuße des Hügels waren zwar nicht die spannendsten Werke der documenta zu sehen, aber die location war einfach so entspannt und dem sonstigen Athener Trubel entrückt. Der eigentliche Höhepunkt befand sich dann auf der Spitze des Hügels: Im Schatten des etwas größenwahnsinnigen Grabmals des römischen Konsuls und Prinzen von Kommagene C. Julius Antiochus Epiphanes Philopappos hatte die kanadische Künstlerin Rebecca Belmore ein aus Marmor gemeißeltes (Flüchtlings-)Zelt aufgestellt, von dem aus sich ein einmaliger Blick auf das marmorne Manifest der Demokratie auf der gegenüber gelegenen Akropolis bot.

Natürlich konnten wir Athen nicht verlassen, ohne auch auf die Akropolis selbst hinauf zu steigen, zu diesem Zentrum der antiken Welt schlechthin – auch wenn der Eintrittspreis inzwischen wirklich unverschämte Höhen erreicht hat. Im Akropolis-Museum sinnierten wir danach über die ewigen Lücken, nun fordernd in Szene gesetzt, in der monumentalen Ausstattung der Akropolis-Bauten.

Athen hat mir diesmal wirklich so gut gefallen wie noch nie! Zwar stehen unendlich viele Häuser leer und verfallen, doch jede Lücke wird von Street Art eingenommen, es gab alternative Geschäfte jenseits der üblichen Souvenir-Monotonie und viele junge Leute. Im Gegensatz zu meinen letzten Besuchen (die zugegeben schon einige Jahre zurückliegen) hatte ich den Eindruck, daß die Stadt pulsiert, daß der allgegenwärtige Verlust nicht mehr vordergründig Lücken hinterläßt, sondern dass diese nun den Raum schafft, wo etwas Neues, Anderes entsteht. Ich hatte sofort Lust, mir dort ein Projekt zu überlegen, um ganz bald wiederkommen zu können!


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Firenze – zwischen Renaissance und Langobarden

Von Rom aus machte ich auch einen Tagesausflug nach Florenz. Ziel und eigentlicher Anlaß für meinen kleinen Italientrip war nämlich die ‘lamina di Agilulfo’ im Museo del Bargello. Dieses reliefierte Bronzeblech aus dem 6. Jh. – wohl die Stirnplatte eines Helmes – zeigt den Langobardenkönig Agilulf auf dem Thron, eingefaßt von Viktorien und Gabenbringern. Da die Darstellung einen nahezu perfekten Vergleich für meine umayyadischen Herrscherdarstellungen bildet, wollte ich das Stück unbedingt im Original begutachten. Zwischen berühmten Statuen von Donatello und Michelangelo, etruskischen Gürtelschnallen, islamischen Lüsterfliesen, mittelalterlichen Rüstungen und hinreißenden spätantiken Elfenbeinen (das Bargello ist ein sehr eigentümlichr Gemischtwarenladen) entdeckte ich schließlich das Objekt meiner Begierde. Anders als bei meinem letzten Besuch in Florenz, als ich mich völlig im Archäologischen Museum verloren hatte, blieb danach noch genügend Zeit für einen touristischen Stadtbummel. Vom Dom, über die traumhaft schöne Piazza della Signoria und vorbei an der Loggia dei Lanzi ging es zu den Uffizien. Und – kaum zu glauben! – ich kam ganz ohne Anstehen sogleich in die Galerie hinein! So etwas geht wirklich nur im Februar! Drinnen war es wie schon draußen in der Stadt: jede Skulptur, jedes Gemälde war ein Highlight von einem berühmten Künstler – ich wußte kaum, wo ich nicht hätte hinschauen sollen. Anders als Rom mit seinen Antiken (die man in Florenz beinahe vergeblich sucht) ist Florenz einfach Renaissance wohin der Blick reicht.

Insgesamt hat sich der Februar als perfekter Reisemonat entpuppt: vergleichsweise wenig Touristen, was bedeutet kaum anstehen, und mit einwenig Glück (und davon hatte ich einiges) auch schon ein paar mediterrane Sonnenstrahlen. Das könnte zu einem Klassiker werden ;-)


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Roma – immer etwas Neues zu entdecken!

Anfang Februar gönnte ich mir nach anderthalbjähriger Abstinenz endlich wieder ein verlängertes Wochenende in meiner Lieblingsstadt Rom. Wie immer hatte ich mir viel zuviel vorgenommen, denn neben zahlreichen Treffen mit all meinen lieben Freunden wollte ich natürlich auch allen vertrauten Orten einen Besuch abstatten – eine Mission, die natürlich von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Dennoch schaute ich ins Pantheon hinein – vielleicht ein letztes Mal, bevor es ab nächstem Jahr möglicherweise Eintritt kostet -, trank bei S. Eustacchio einen Cappuccino (diesmal enttäuschend verwässert), genoß meine geliebten Puntarelle im Traditionslokal am Largo dei Librari, warf eine Münze in die dank Fendi frisch restaurierte Fontana di Trevi, damit ich auch ja wiederkommen werde usw. usw. Außerdem wäre Rom ja nicht Rom, gäbe es neben diesem Fix-Programm nicht immer noch Neues zu entdecken. Dieses Mal konnte ich endlich Sa Maria Antiqua auf dem Forum Romanum besuchen, eine der ältesten Kirchen Roms, die im 6. Jh. in einige Räumlichkeiten am Fuße des Palatins hineingebaut wurde. Normalerweise ist die Kirche für das Publikum geschlossen, und ich hatte bisher immer alle Gelegenheiten verpaßt, um mal hineinzuschauen. Aber jetzt war sie im Rahmen einer Ausstellung geöffnet. Ich war vollkommen überwältigt von der Fülle an Wandmalereien aus dem 6.-8. Jh. und deren guten Erhaltungszustand, die teilweise erstaunlich gute Parallelen für meine schließlich zeitgleichen Umayyaden abgeben ;-)

Pünktlich zu meinem Besuch eröffnete außerdem eine neue ‘passeggiata archeologica’, die über eine Reihe von Stegen vom Forum Romanum neben der Basilica Aemilia über das Caesarforum und durch die mit unzähligen Fundkästen gefüllten Keller der mittelalterlichen Häuser des Quartiere Alessandrino aufs Trajansforum führt. Jeden 1. Sonntag im Monat wird sie nun kostenfrei zugänglich sein. Viel Neues gab es dort zwar nicht zu sehen, aber irgendwie hatte es doch etwas, das Caesarforum zumindest fast aus der Perspektive eines antiken Römers wahrzunehmen.

Was ich auch unbedingt hatte sehen wollen, war das reverse graffiti, das der südafrikanische Künstler William Kentridge im letzten Jahr an der Tiberbefestigung hat entstehen lassen. Auf etwa 500 m entstand durch selektives Entfernen des jahrelang angesammelten Schmutzes auf der Mauer eine Erzählung der Geschichte Roms, gespickt mit allerhand Anspielungen. Alles war noch gut zu erkennen, und so spazierte ich am Tiberufer entlang und versuchte, die Bilder zu entschlüsseln.

Schließlich besuchte ich mit einer Führung noch den ‘Bunker’ in der Villa Ada, den sich die Königsfamilie der Savoyen auf dem Grundstück ihrer Villa im 2. Weltkrieg angelegt hat. Streng genommen handelt es sich gar nicht um einen Bunker, denn das ‘refugio’ ist nicht aus Beton errichtet, sondern in den anstehenden Tuff eines Hügels hineingeschnitten und mit Ziegeln verkleidet. Schutz vor Bomben sollte lediglich ein auf der Hügelkuppe errichtetes ‘Dach’ aus einer auf Stelzen stehenden Betonplatte gewährleisten. Ob das wohl funktioniert hätte? Insgesamt ist die Anlage sehr eigenwillig gebaut. Sie ist ringförmig angelegt und so breit, daß man mit dem Auto hineinfahren konnte. Das eigentliche ‘refugio’ war dann nur ein kleiner Raum, ein Durchgangszimmer, das gerade mal Platz für eine Sitzgruppe geboten haben kann, dafür aber mit einem Filtersystem gegen Gasangriffe und angeschlossenenem WC ausgestattet war. Dadurch wird klar, daß es sich hier um kein Notquartier gehandelt haben kann, sondern höchstens um einen Unterstand bei Fliegeralarm. Leider weiß man nichts Genaues über Einrichtung und Nutzung des Baus, es wird jedoch angenommen, daß die Königsfamilie 1943 während der Bombardierung von San Lorenzo dort Zuflucht suchte. Also kein Bunker, aber dennoch sehr sehenswert! Außerdem nutzte ich meinen Ausflug in diese Gegend Roms für einen Besuch im Stammhaus meiner Lieblings-Eisdiele Fatamorgana. Sie haben umgebaut, und alles wirkte ein bißchen moderner, doch wie früher gab es dort die ultimative Auswahl an Eissorten. Ich konnte gar nicht anders, als noch einen Nachschlag zu nehmen!


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Jordanien – dem Ende der Antike auf der Spur

Anfang November war ich nach langer Zeit endlich malwieder im Nahen Osten unterwegs, in Jordanien, wo ich für meine Arbeit nochmal die ‘Wüstenschlösser’ besuchen wollte. Amman ist in den letzten Jahren unglaublich gewachsen, was die Stadt nah an den Verkehrkollaps geführt und die Fahrten durch die Stadt schrecklich anstrengend hat werden lassen. Ich brauchte einige Tage, um mich wieder an das nahöstliche Tempo zu gewöhnen, und natürlich war die Woche dafür viel zu kurz, denn kaum richtig eingelebt, war sie auch schonwieder rum…

Die als ‘Wüsteschlösser’ bekannten Großbauten wurden von den Umayyaden erbaut, der ersten islamischen Dynastie, die vom mittleren 7. bis mittleren 8. Jh. von der Levante aus die islamische Welt regierte. Die Umayyaden stehen im Nahen Osten am Ende der Antike, weil ihre Nachfolger, die Abbadisiden, das Zentrum ihres Reiches nach Baghdad verlegten, aber auch, weil sich die Region nach einigen schweren Erdbeben Mitte des 8. Jhs. nicht wieder erholen konnte. Besonders neugierig war ich auf die frisch restaurierten Fresken des kleinen Badehäuschens Qusayr Amra. Es ist unglaublich, wieviele Details die Restaurierungen der letzten Jahre hervorgebracht haben – ich konnte mich an den bislang unbekannten Gewandmustern und Gesichtsaudrücken gar nicht satt sehen! Überrascht war ich auch von dem mir bisher noch unbekannten Qastal. Halb vom modernen Haus eines lokalen Scheihs überbaut, hatte ich nicht erwartet, daß die Anlage noch so gut erhalten ist und vor allem so viel verrückte Bauornamentik aufweist! Schließlich mußte ich natürlich noch ‘meinem’ Wüstenschloß , dem nahegelegenen Mschatta, eine Stippvisite abstatten, das ich auch noch nicht im fertig restaurierten Zustand gesehen hatte. Bei aufziehendem Regen lag es ganz verwaist da.

In Hallabat, einem weiteren Wüstenschloß, sind sekundär einzelne Blöcke einer monumentalen griechischen Inschrift vermauert, die ein Edikt des oströmischen Kaisers Anastasios I. wiedergeben. Ich konnte das Team des “Stunde Null”-Projekts des DAIs bei ihrer Suche nach weiteren Inschriftenfragmenten auf dem Gelände begleiten. Die Inschriftenblöcke stammen aus Umm el-Jimal, einer antiken Stadt direkt an der syrischen Grenze, die wie die jeneits der Grenze gelegenen antiken Stätten des Hauran und Jebel al-Arab ganz aus dem lokal anstehenden Basalt errichtet ist. Die Stadt ist wahnsinnig gut erhalten und regt die Fantasie an! Die Häuser – zumindest ihre Fassaden – stehen teilweise noch über mehrere Etagen aufrecht, und Umbauten aus verschiedenen Epochen lassen sich ausmachen. Die Umayyaden, die die Stadt weiter nutzten, statteten zum Beispiel ein großes kaiserzeitliches Gebäude, bei dem es sich wahrscheinlich um das Praetorium, das Zentrum der Militärverwaltung, handelte, mit neuen Fußböden und Wandmalereien wie ein Wüstenschloß aus, bevor auch diese einst prosperierende Stadt Mitte des 8. Jhs. aufgegeben wurde.


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Campus Life in den Western Midlands: Warwick und Birmingham

Mitte Mai fuhr ich zu einer Tagung an die University of Warwick und verbrachte dort zum allerersten Mal einige Tage und Nächte an einer echten Campus-Uni. Bei der Uni von Warwick handelt es sich um eine Neugründung aus den 1960er Jahren auf der grünen Wiese, paradoxerweise näher an Coventry als an Warwick. Das Zentrum des entsprechend vollkommen modernen Campuses bildet das Gebäude der Students’ Union mit einigen Restaurants und Cafés, es gibt einen Buchladen, einen Supermarkt und das “Art Center” mit einem Theater und einer Galerie, deren überraschend hochkarätig bestückte Ausstellung zeitgenössischer Kunst neben der Tagung das eigentlich Highlight des Campusaufenthalts war. Die Studierenden leben in Wohnheimen rund um die Uni-Gebäude. Abrupt ist dann der Übergang von der Campus-Zivilisation ins Grüne, wo Gänsefamilien über die Wiesen und Felder watscheln. Überhaupt bildete das viele satte Grün auf dem Campus einen angenehmen Kontrast zu unserem eigenartig fensterlosen Seminarraum.

Auf dem Hin- und Rückweg zur University of Warwick machte ich Station in Birmingham. Nach Budapest, was war das für ein Kontrast! Ich fand die Stadt – zumindest das Zentrum – ziemlich gruselig. Dort dominieren gigantische Shoppingcenter und Einkaufsstraßen mit Ladenketten. Das Areal um Museum und Town Hall, die im Stil eines römischen Podiumstempels erbaut ist, war wegen des Abbruchs der brutalistischen Stadtbibliothek gerade eine einzige Baustelle. Jenseits der Innenstadt, südlich von Birminghams Chinatown, wo das Hotel lag, in dem ich auf der Rückreise noch für zwei Nächte abstieg, befanden sich quasi nur Abrisshäuser, die als Parkplätze genutzt wurden. Dabei ist die alte Architektur der Stadt eigentlich ziemlich spektakulär: Neo-Gothik mit Anklängen von Jugendstil, Klassizismus der Viktorianischen Zeit, Hochhäuser im Art déco Stil, die mich nach Klein-New York versetzten, und vor allem Industriearchitektur aus dem frühen 20. Jh. – Garagen, Produktionshallen, Fabrikschlote -, leider nur allzu meist in sehr bedauernswertem Zustand. Im Stadtteil Digbeth ist wenigstens die Custard Factory als Kreativ- und Designzentrum wiederauferstanden. In diesem Stadtviertel findet auch ein alljährliches Street Art Festival statt, das überall an den Wänden seine bunten Spuren hinterlassen hat.


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Wiener Luftschutz

Beim letzten Tag des Denkmals in Wien besichtigte ich die Luftschutzkeller unter der ehemaligen Wiener Hauptpost. Der Gebäudekomplex in der Postgasse im 1. Bezirk besteht aus mehreren, ursprünglich getrennten Bauteilen unterschiedlichen Datums, die im 19. Jh. mit einer einheitlichen Fassade versehen wurden. Entsprechend waren auch die Keller untereinander ursprünglich nicht verbunden. Erst im 2. Weltkrieg wurden sie zu einem zusammenhängenden Netzwerk aus Luftschutzräumen umgebaut, das heute noch gut erhalten ist. Damals muß die ganze Wiener Innenstadt mit einem solchen Netz aus unterirdischen Gängen verbunden gewesen sein. Da wegen der dichten Bebauung keine Bunker – mit Ausnahme der Flaktürme (s.u.) – angelegt werden konnten, wurden die vorhandenen Keller zu Luftschutzräumen umfunktioniert, die wohl nur unzureichend Schutz boten. Die Durchbrüche und Gänge zwischen den Kellern der einzelnen Häuser wurden nach dem 2. Weltkrieg aus Sicherheitsgründen wieder zugemauert. In der Hautpost weisen noch heute Beschriftungen an den Wänden der leeren Kellerräume den Weg zu Aufenthaltsräumen, Sanitäranlagen und Notausgängen; ein Leitsystem aus mit fluoriszierender Farbe gemalten Feldern, das noch heute funktioniert, sollte bei Stromausfall die Orientierung sichern und ein bißchen Licht in die Räume bringen. Die äußerst schmalen Verbindungsgänge zwischen den unterschiedlich hohen Kellerräumen der einzelnen Gebäudeteile, die zudem auf unterschiedlichen Niveaus liegen, verstärkten das beklemmende Gefühl auf unserem Rundgang.

Luftschutzräume gab es ansonsten nur in den Flaktürmen, die in Wien – wie sonst nur in Berlin und Hamburg – zwischen 1942 und 1945 errichtet wurden. Insgesamt gibt es in Wien sechs solche Hochbunker, wobei jeweils ein Gefechtsturm und ein Leitturm ein Paar bilden. Auf dem Dach des Gefechtsturms standen jeweils vier große Fliegerabwehrgeschütze, auf dem Dach des Leitturms ein Funkmessgerät. Wegen der starken Erschütterungen konnten die Geschütze nicht auf demselben Turm montiert sein wie die sensiblen Messgeräte. Auf den Auskragungen der unteren Plattformen aller Türme standen kleinere Flakgeschütze, um eventuelle Tieffliegerangriffe abzuwehren. In den unteren Etagen der Hochbunker befanden sich Luftschutzräume für die Zivilbevölkerung, die insgesamt Platz für 40.000 Personen boten, sowie Spitäler, und erst in den oberen Etagen lagen administrative und militärische Räumlichkeiten. Die Bunkerpaare sind in einem Dreieck um die Innenstadt herum angeordnet. Sie wurden dort gebaut, wo gerade Platz war, meist in Parkanlagen. Als erstes wurde die Anlage im 3. Bezirk errichtet. Im kleinen Arenbergpark stehen die beiden Türme ungewöhnlich nah beieinander. Der Gefechtsturm ist zugleich der größte der sechs Wiener Hochbunker. Heute wird der Turm durch die zeitgenössische Sammlung des Museums für Angewandte Kunst genutzt, die jedoch derzeit nicht zugänglich ist, weil der Turm wegen erheblicher Sicherheitsmängel saniert werden muß.

Bei den vier später errichteten Flaktürmen mußte Material gespart werden, weshalb sie einen anderen Grundriß aufweisen. Die Gefechtstürme sind nicht mehr viereckig wie derjenige im Arenbergpark, sondern fast rund, und an den Leittürmen sind die Auskragungen für die unteren Flakgeschütze an den Ecken statt an den Langseiten angebracht. Als erstes wurde auf diese Weise das Bunkerpaar um die Mariahilfer Str. gebaut. Der Leitturm im winzigen Esterházy Park beherbergt heute das Haus des Meeres, ein Aquarium und kleiner Indoor-Zoo mit einer außen an den Turm angebauten Tropenhalle, in der Äffchen herumturnen. Ich bestieg an einem brennend heißen Sommertag die untere Plattform, von der aus man einen hervorragenden Blick über die Stadt hat. Der zugehörige Gefechtsturm liegt in der Stiftskaserne und wird noch heute militärisch genutzt. Angeblich befinden sich darin auch Schutzräum für die Staatsspitze..

Das jüngste und zugleich höchste Bunkerpaar liegt nur wenige Minuten von meiner Wohnung entfernt im Augarten. Die beiden Türme sind ungenutzt, der Gefechtsturm ist außerdem im oberen Bereich beschädigt, seit 1946 spielende Kinder mit darin gelagerter Munition eine Explosion auslösten. Der Augarten besticht übrigens nicht nur durch seine bizarre Mischung aus Barockgarten und Betonkolossen, sondern auch durch die Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, die Sammlung von Francesca Habsburg, die kleine, aber feine wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zeigt, und ihr Museumslokal “Die Au”, auf dessen idyllischer, schattiger Terrasse sich so manche Köstlichkeit genießem läßt!