Häferlkaffee


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documenta 14 – Teil 2: Promenadologie in Kassel

Zugegeben, mit ziemlicher Verspätung kommt dieser Rückblick auf unseren Besuch der documenta 14 in Kassel, aber wo es einen Teil 1 gibt, muß es schließlich auch einen Teil 2 geben…

Nachdem uns der erste Teil der documenta in Athen jedenfalls so gut gefallen hatte, besuchten wir zu meinem Geburtstag im Sommer 2017 die ‘Mutter’ der Ausstellung in Kassel. Auch in Kassel war die Ausstellung über die ganze Stadt verteilt, und wir schafften es nicht einmal ansatzweise, alle Venues abzuklappern. Dennoch bot die documenta hier weitaus weniger Überraschungen als in Athen, sondern glich eher einem Society Event: Die gut gekleidete Kultur-Bourgeoisie stand Schlange vor den altbekannten documenta-locations – und wir, die wir nun schon zum 3. Mal auf der documenta sind, gehören inzwischen wohl schon dazu. In den altbekannten Ausstellungsorten wirkten die Exponate uninspiriert nebeneinander gestellt, vor allem die Neue Galerie war völlig überfrachtet mit aneinandergereihten Kunstwerken zu unzusammenhängenden Themen. Man hatte geradezu das Gefühl, daß kein Problemthema der heutigen Zeit unangesprochen bleiben durfte. Außerdem waren uns viele Künstler schon aus Athen bekannt – wenn auch mit anderen Werken. Vielleicht gefiel uns deshalb die Ausstellung im Herzstück der documenta, dem Fridericianum – 1779 eröffnet eines der ersten öffentlichen Museen Europas -, besonders gut. Dieses Mal war dort nämlich die Sammlung des bis dahin uneröffneten Athener Nationalmuseums für Zeitgenössische Kunst (EMST) zu sehen, in dessen Gebäude in Athen ein Teil der documenta-Ausstellung untergebracht gewesen war. So bekamen wir ganz nebenbei einen Einblick in die uns gänzlich unbekannte griechische Kunst seit dem 2. Weltkrieg.

Am besten gefiel es uns in der erstmals für die documenta erschlossenen Nordstadt. Um sie zu erkunden, hatten wir einen der angebotenen ‘Spaziergänge’ gebucht. Eine der Wiederentdeckungen der documenta 14 war nämlich die von dem Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt in Kassel entwickelte Spaziergangswissenschaft, die Promenadologie, die “sich mit den Sequenzen [befasst], in welchen der Betracher seine Umwelt wahrnimmt” (L. Burckhardt, Promenadologische Betrachtungen über die Wahrnehmung der Umwelt und die Aufgaben unserer Generation [1996]). Wir hatten gehofft, zwischen den verschiedenen Ausstellungsorten also auch den Weg, die Folge von Eindrücken und Erwartungen im Stadtraum zu reflektieren. Stattdessen war es dann doch nur eine stinknormale Führung durch zwei der Ausstellungsorte, auf der zwar auch die Gruppe unter Anleitung des Chormitglieds (so hießen die Führenden) über die Kunstwerke diskutierte, der Weg selbst wurde aber eher als lästiger Zeitverlust wahrgenommen. Schade! Die Thesen Burckhardts zur Wahrnehmung der Landschaft sind nämlich durchaus lesenswert und lassen sich sicher auch auf die Antike anwenden. Wir gingen nach dem ‘Spaziergang’ jedenfalls gleich nochmal in die Neue Hauptpost, einen Kieselplatten-Giganten in der Nordstadt, um uns die dortige Ausstellung nochmal in Ruhe anzuschauen. Hier, zwischen den rohen Betonwänden und Spuren des ehemaligen Postsortiersystems, wehte noch ein bißchen der improvisierte Geist der Athener Ausstellungen. Dasselbe galt für den ‘KulturBahnhof’, den stillgelegten alten Hauptbahnhof, wo wir in einem Tunnel zwischen Kunst über die Gleise spazierten.

Fazit zur documenta 14: Gerade im Kontrast zu Athen war auch die Kasseler documenta interessant, doch weitaus inspirierender und voller Entdeckungen war der Ausstellungsteil in Athen!


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Nachträge zum Hadrianswall

Die TRAC in Durham führte mich wieder in die Nähe des Hadrianswalls und bot somit die Gelegenheit, endlich die Besichtigung der archäologischen Stätten nachzuholen, die wir vor zwei Jahren auf unserer Wanderung hatten auslassen müssen. 2017 ist für den Hadrianswall ein ganz besonderes Jahr: nicht nur jährt sich Hadrians Regierungsantritt zum 1900. Mal, sondern der Wall feiert auch sein 30. Jubiläum als Weltkulturerbestätte.

Im Rahmen eines von der Tagung aus organisierten Ausflugs besuchte ich zunächst Corbridge, das römische Coria, eine Stadt im Hinterland des Hadrianswalls, die in den 160er Jahren an der Stelle eines ehemaligen Militärlagers entstand. Auf unserer Hadrianswall-Wanderung war uns der Umweg zu Fuß zu weit gewesen – nun wurden wir von Durham aus bequem mit dem Bus dorthin gefahren. Einer der Kuratoren führte uns durch den kleinen Stadtausschnitt, der als archäologisches Areal hergerichtet ist. Dort reihen sich die obligatorischen Getreidespeicher, ein unfertiges ‘Shopping Center’ und Streifenhäuser entlang der Hauptstraße der Stadt. Im Anschluß durften wir im Depot die verborgenen Schätze des Museums erkunden, bevor wir noch einen Abstecher in den entzückenden modernen Orten machten. An der Tyne besichtigten wir die umgesetzten Reste der römischen Brücke und warfen dann einen kurzen Blick auf die in der Kirche verbauten römischen Steine.

Nach der TRAC blieb ich noch einen Tag in Newcastle, um endlich auch das Militärlager Arbeia in South Shields, das wir damals ebenfalls ausgelassen hatten, zu besuchen. Durch seine Lage an der Mündung der Tyne war das um 160 errichtete Lager prädestiniert dafür, schon bald unter Septimius Severus zu einem Versorgungslager für den Hadrianswall umgebaut zu werden. 24 Getreidespeicher entstanden innerhalb der Lagermauern, deren Grundrisse sich noch heute eindrucksvoll im Gelände nachvollziehen lassen! Um 300 wurden diese dann wieder in Baracken umgebaut, als eine Einheit von Schiffsleuten vom Tigris dort untergebracht wurde. Heute zeichnet sich Arbeia vor allem durch seine liebenswürdigen Rekonstruktionen aus: eine Mannschaftsbaracke, das aufwendig möblierte Praetorium und das westliche Lagertor sind über den Originalfundamenten wiederaufgebaut. Für mich wurde der Ausflug nach Arbeia zu einer wahren Odyssee. Schließlich war der 1. April, und der Monat wollte seinem Ruf alle Ehre machen. Ich startete bei schönsten Sonnenschein und freute mich schon auf einen Spaziergang an der Meeresküste. Doch kaum auf der Ausgrabungsstätte angekommen, begann es sich zuzuziehen, und ich schaffte es gerade noch, das Außengelände zu besichtigen, bevor es anfing zu schütten und schließlich sogar zu hageln! Es regnete so heftig, daß die Metro überschwemmt und der Zugverkehr eingestellt wurde, und auch die Straßen hatten sich in Sturzbäche verwandelt, so daß ich eine halbe Ewigkeit brauchte, um wieder in die Stadt zurückzukehren.

Dennoch schaffte ich es noch früh genug wieder zurück, um in Newcastle – nun wieder ohne Regen – das Baltic Center of Contemporary Art anzuschauen – ein weiteres Desiderat unserer Hadrianswall-Reise. In einer ehemaligen Mühle aus den 1930er Jahren untergebracht, bietet es neben sehenswerten Kunstausstellungen einen eindrucksvollen Blick über die Tyne mit ihren Brücken im Herzen Newcastles.

Vor der Abreise besichtigte ich schließlich noch das Castle von Newcastle. Im Gegensatz zu anderen Burgen, die ich in Großbritannien schon besucht habe, fiel diese dadurch positiv auf, daß daran erfrischend wenig gemacht war. Einige kleine und sehr informative Ausstellungen gaben einen Einblick in die Geschichte der Burg. Dabei lernte ich u.a., daß im 17.-18. Jh. innerhalb des umfriedeten Bereichs der Burg – dem Castle Garth – ein eigenes Stadtviertel entstand, in dem die Regeln der Stadt Newcastle (zu der das Castle nicht gehörte) nicht galten. So konnten sich dort z.B. Handwerker ansiedeln, die zu keiner Gilde gehörten. Ansonsten konnte man die imposante normannische Architektur beinahe frei von Mittelalter-Schnickschnack erleben. Vom Dach des Burgfrieds bot sich außerdem ein toller Blick über die Stadt.


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Firenze – zwischen Renaissance und Langobarden

Von Rom aus machte ich auch einen Tagesausflug nach Florenz. Ziel und eigentlicher Anlaß für meinen kleinen Italientrip war nämlich die ‘lamina di Agilulfo’ im Museo del Bargello. Dieses reliefierte Bronzeblech aus dem 6. Jh. – wohl die Stirnplatte eines Helmes – zeigt den Langobardenkönig Agilulf auf dem Thron, eingefaßt von Viktorien und Gabenbringern. Da die Darstellung einen nahezu perfekten Vergleich für meine umayyadischen Herrscherdarstellungen bildet, wollte ich das Stück unbedingt im Original begutachten. Zwischen berühmten Statuen von Donatello und Michelangelo, etruskischen Gürtelschnallen, islamischen Lüsterfliesen, mittelalterlichen Rüstungen und hinreißenden spätantiken Elfenbeinen (das Bargello ist ein sehr eigentümlichr Gemischtwarenladen) entdeckte ich schließlich das Objekt meiner Begierde. Anders als bei meinem letzten Besuch in Florenz, als ich mich völlig im Archäologischen Museum verloren hatte, blieb danach noch genügend Zeit für einen touristischen Stadtbummel. Vom Dom, über die traumhaft schöne Piazza della Signoria und vorbei an der Loggia dei Lanzi ging es zu den Uffizien. Und – kaum zu glauben! – ich kam ganz ohne Anstehen sogleich in die Galerie hinein! So etwas geht wirklich nur im Februar! Drinnen war es wie schon draußen in der Stadt: jede Skulptur, jedes Gemälde war ein Highlight von einem berühmten Künstler – ich wußte kaum, wo ich nicht hätte hinschauen sollen. Anders als Rom mit seinen Antiken (die man in Florenz beinahe vergeblich sucht) ist Florenz einfach Renaissance wohin der Blick reicht.

Insgesamt hat sich der Februar als perfekter Reisemonat entpuppt: vergleichsweise wenig Touristen, was bedeutet kaum anstehen, und mit einwenig Glück (und davon hatte ich einiges) auch schon ein paar mediterrane Sonnenstrahlen. Das könnte zu einem Klassiker werden ;-)


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Jordanien – dem Ende der Antike auf der Spur

Anfang November war ich nach langer Zeit endlich malwieder im Nahen Osten unterwegs, in Jordanien, wo ich für meine Arbeit nochmal die ‘Wüstenschlösser’ besuchen wollte. Amman ist in den letzten Jahren unglaublich gewachsen, was die Stadt nah an den Verkehrkollaps geführt und die Fahrten durch die Stadt schrecklich anstrengend hat werden lassen. Ich brauchte einige Tage, um mich wieder an das nahöstliche Tempo zu gewöhnen, und natürlich war die Woche dafür viel zu kurz, denn kaum richtig eingelebt, war sie auch schonwieder rum…

Die als ‘Wüsteschlösser’ bekannten Großbauten wurden von den Umayyaden erbaut, der ersten islamischen Dynastie, die vom mittleren 7. bis mittleren 8. Jh. von der Levante aus die islamische Welt regierte. Die Umayyaden stehen im Nahen Osten am Ende der Antike, weil ihre Nachfolger, die Abbadisiden, das Zentrum ihres Reiches nach Baghdad verlegten, aber auch, weil sich die Region nach einigen schweren Erdbeben Mitte des 8. Jhs. nicht wieder erholen konnte. Besonders neugierig war ich auf die frisch restaurierten Fresken des kleinen Badehäuschens Qusayr Amra. Es ist unglaublich, wieviele Details die Restaurierungen der letzten Jahre hervorgebracht haben – ich konnte mich an den bislang unbekannten Gewandmustern und Gesichtsaudrücken gar nicht satt sehen! Überrascht war ich auch von dem mir bisher noch unbekannten Qastal. Halb vom modernen Haus eines lokalen Scheihs überbaut, hatte ich nicht erwartet, daß die Anlage noch so gut erhalten ist und vor allem so viel verrückte Bauornamentik aufweist! Schließlich mußte ich natürlich noch ‘meinem’ Wüstenschloß , dem nahegelegenen Mschatta, eine Stippvisite abstatten, das ich auch noch nicht im fertig restaurierten Zustand gesehen hatte. Bei aufziehendem Regen lag es ganz verwaist da.

In Hallabat, einem weiteren Wüstenschloß, sind sekundär einzelne Blöcke einer monumentalen griechischen Inschrift vermauert, die ein Edikt des oströmischen Kaisers Anastasios I. wiedergeben. Ich konnte das Team des “Stunde Null”-Projekts des DAIs bei ihrer Suche nach weiteren Inschriftenfragmenten auf dem Gelände begleiten. Die Inschriftenblöcke stammen aus Umm el-Jimal, einer antiken Stadt direkt an der syrischen Grenze, die wie die jeneits der Grenze gelegenen antiken Stätten des Hauran und Jebel al-Arab ganz aus dem lokal anstehenden Basalt errichtet ist. Die Stadt ist wahnsinnig gut erhalten und regt die Fantasie an! Die Häuser – zumindest ihre Fassaden – stehen teilweise noch über mehrere Etagen aufrecht, und Umbauten aus verschiedenen Epochen lassen sich ausmachen. Die Umayyaden, die die Stadt weiter nutzten, statteten zum Beispiel ein großes kaiserzeitliches Gebäude, bei dem es sich wahrscheinlich um das Praetorium, das Zentrum der Militärverwaltung, handelte, mit neuen Fußböden und Wandmalereien wie ein Wüstenschloß aus, bevor auch diese einst prosperierende Stadt Mitte des 8. Jhs. aufgegeben wurde.


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Drei-Länder-Urlaub 1: Österreich – In der Provinz Noricum

Unser Sommerurlaub führte uns dieses Jahr mal in ein anderes Dreiländereck: nach Österreich, Italien und Slowenien. Als Auftakt ging es ins österreichische Kärnten, wo ich endlich die bedeutenden Stätten der römischen Provinz Noricum sehen wollte, von denen ich in unzähligen Diplomprüfungen schon so viel gehört hatte. Wir wohnten im Mölltal in einer gemütlichen Ferienwohnung, von deren einem Balkon (es gab gleich zwei!) wir einen herrlichen Blick auf die umliegenden Berge hatten – unser Lieblingsplätzchen für einen Kaffee mit Kärntner Reindling und ein gutes Buch.

Einen Tag widmeten wir den Römerstädten im Osten Kärntens. Wir begannen am Magdalensberg, wo sich römische Präsenz, noch bevor Noricum um 15 v. Chr. ins Römische Reich eingegliedert wurde, manifestiert. Unterhalb des Gipfels, der einen fantastischen Rundumblick bietet, entstand ein römischer Handelsstützpunkt für die Verarbeitung und den Handel mit norischem Eisen. Im Zentrum steht ein gewaltiger Tempel, den man einst von weit im Tal aus gesehen haben muß. Unter Claudius wurde die Siedlung auf dem Magdalensberg aufgegeben und im Tal am Zollfeld Virunum als neue Hauptstadt der inzwischen Provinz Noricum errichtet. Von der Stadt Virunum ist heute nur noch das etwas eigentümliche, weil merkwürdig langgestreckte und asymmetrische Amphitheater zu sehen. Was jedoch vom Reichtum und der romanitas der Bewohner zeugt, sind die zahlreichen ‘Römersteine’, die überall am Zollfeld als Spolien verbaut sind. Besonders idyllisch ist das ‘Prunnerkreuz’, eine kleine Kapelle, Ende des 17. Jhs. von einem der ersten Erforscher der Römerstadt, Johann Dominikus Prunner, errichtet. Er glaubte jedoch noch, dort die Stadt Sala lokalisieren zu können, wie auch eine Inschrift auf einem der eingemauerten Grabsteine verkündet. Mit besonders beeindruckenden Römersteinen wartet die Kirche von Maria Saal auf. An den Außenmauern sind die schönsten Stücke vermauert, aber auch im Innern ist vom Weihwasserbecken bis zum Opferstock alles Römerstein, sogar einen römischen Kindersarkophag gibt es beim Grab des Heiligen Modestus! Zuletzt fuhren wir zum Hemmaberg, wo sich ein gewaltiges Pilgerzentrum aus dem 6. Jh. erstreckt. Gleich vier große Kirchen wurden dort errichtet: eine Doppelkirchenanlage für die katholische und eine für die arianische Gemeinde, denn das Gebiet gehörte ab 493 für einige Jahrzehnte zum arianischen Ostgotenreich Theoderichs. Woher kamen all die Pilger? Heute ist es jedenfalls herrlich ruhig dort oben. Am Fuß des Berges sind in Globasnitz, dem römischen Iuenna, die Mosaiken und weitere Funde aus den Kirchen ausgestellt. Als Abschluß des langen Tages kehrten wir schließlich noch im Fischrestaurant der Familie Sicher in Tainach ein. Der Gastgarten war wie ein kleines Paradies, der Saiblingskaviar auf Saiblingscarpaccio aus eigener Zucht mit einem Hauch von Wildkräutersalat ein Gedicht – für mich das beste Gericht des ganzen Urlaubs!

Ganz in der Nähe von unserem Domizil lag Teurnia/St. Peter in Holz. Auch dies war einst eine bedeutende Stadt, die in den letzten Jahren römischer Herrschaft sogar Virunum als Provinzhauptstadt ablöste. In der Friedhofskirche ist in einer der Seitenkapellen ein wirklich schräges Mosaik erhalten, das in seeehr provinziellen Stil einerseits altbekannte Motive, andererseits kreative Neuschöpfungen wiedergibt. Auch die Bischofskirche beeindruckte wieder mit ihrer enormen Größe. Besonders gut gefiel uns das Museum, das in einer ehemaligen Scheune untergebracht ist und wieder viele schöne Römersteine barg. Zu Teurnia gehörte wohl auch das Heiligtum auf dem Danielsberg. Dieser 966 m hohe kegelförmige Hügel erhebt sich mitten im Mölltal – prädestiniert für ein Heiligtum. Auch heute steht oben noch eine Kirche, die man schon von Weitem sieht, wenn man ins Tal hineinfährt. Ich konnte mir richtig vorstellen, wie ein Tempel an ihrer Stelle ins Tal gestrahlt haben muß. Wie eine in der Kirche vermauerte Inschrift vermuten läßt, war er Hercules geweiht. Der Aufstieg begann quasi vor unserer Haustür und war gar nicht so leicht, wie wir ihn uns vorgestellt hatten. Dafür wurden wir oben mit einem fantastischen Blick über das Mölltal, einigen schönen Römersteinen in der Kirche und einem netten Lokal belohnt.

Ganz ohne Römer ging es schließlich noch zum Großglockner, mit 3798 m Österreichs höchster Berg. Naja, so richtig rauf wagten wir uns dann doch nicht, sondern genossen den Blick auf seine verschneite Spitze lieber vom gegenübergelegene Schareck. Dort kann man bequem von Heiligenblut aus mit der Bergbahn bis auf etwa 2600 m Höhe hinauffahren. Oben angekommen gingen wir einen Rundwanderweg in unwirtlicher, karger, doch dadurch auch umso faszinierenderer Landschaft, vorbei an Karsthöhlen, Felsspalten und der tiefen Mauskarscharte, die man über einem ganz schmalen Grad passierte. Das Szenario war im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend!


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Zu Besuch bei Shakespeare

Von Birmingham aus machte ich auch einen Abstecher in Shakespeares Heimatort Stratford-upon-Avon. Das mußte einfach sein, schließlich ist gerade Shakespeare-Jahr! Vor genau 400 Jahren starb der Barde. Stratford ist ein beschauliches kleines Städtchen mit vielen Fachwerkhäusern. Im Laufe des Tages füllt es sich aber ziemlich, denn seit dem 18. Jh. steht dort alles im Zeichen des Shakespeare-Kultes! Ich kam zum Glück relativ früh in Stratford an und ging sofort zur Holy Trinity Church am Ufer des Flusses Avon, in deren Chorraum Shakespeare und seine Familie begraben liegen. So konnte ich Shakespeares Grab noch einigermaßen in Ruhe besuchen, ohne allzu große Touristenmassen. Es war schon irgendwie ein erhebendes Gefühl, dem Barden so nahe zu sein, der einem von seinem posthumen Bildnis an der Wand aus zulächelt! Danach machte ich mich daran, die Fachwerkhäuser in der Stadt zu erkunden, die angeblich einen Bezug zu Shakespeare haben. Etwas verloren steht Shakespeares angebliches Geburtshaus in einer Fußgängerzone im Stadtzentrum. Dort ist man ganz auf den Ansturm der Massen vorbereitet: dicht an dicht drängt man sich entlang einer vorgegebenen Route zwischen nachgebauten Möbeln durch die Zimmer und versucht hie und da den Guides in historischen Kostümen zu lauschen, die einem das Leben der Shakespeare-Familie näherbringen möchten. Im benachbarten Visitors’ Center ist ein kleines Museum zur weltweiten Shakespeare-Rezeption eingerichtet – eigentlich ganz nett. Im Garten rezitierte eine Schauspielerin Shakespeare-Verse. Weitaus stimmungsvoller war Hall’s Croft, in der Shakespeares Tochter Susanna mit ihrem Mann, dem Arzt John Hall, gelebt haben soll. Etwas abseits gelegen verirrte sich dort schon kaum noch jemand hin. Dabei waren dort immerhin echte historische Möbel ausgestellt, die einen weitaus besseren Eindruck von der Wohnkultur der Zeit vermitteln konnten. Und der zugehörige Garten war wunderschön! Als Haus gefiel mir am besten jedoch das sog. Harvard House. Es wurde Ende des 16. Jhs. von dem Fleischer und Viehhändler Thomas Rogers errichtet, der ein Bekannter von William Shakespeares Vater John und Großvater von John Harvard, einem der Gründer der Harvard-Universität, war. Es ist heute im Besitz der Harvard-Uni, nachdem es Anfang des 20. Jhs. ein amerikanischer Millionär erworben und der Uni überlassen hat. Nur ausnahmsweise war es auch von innen zu besichtigen und daher nur notdürftig eingerichtet. Das eigentlich Faszinierende war aber die Fassade mit ihrem geschnitzten Dekor, der zum Teil auf den Beruf des Bauherrn anspielt. Danach schlenderte ich noch ein bißchen durch die Straßen und hübschen kleinen Geschäfte, bis es mir dann doch zu voll wurde in der Stadt. Ganz beseelt von meinem gelungenen Besuch bei Shakespeare fuhr ich nach Birmingham zurück.


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Campus Life in den Western Midlands: Warwick und Birmingham

Mitte Mai fuhr ich zu einer Tagung an die University of Warwick und verbrachte dort zum allerersten Mal einige Tage und Nächte an einer echten Campus-Uni. Bei der Uni von Warwick handelt es sich um eine Neugründung aus den 1960er Jahren auf der grünen Wiese, paradoxerweise näher an Coventry als an Warwick. Das Zentrum des entsprechend vollkommen modernen Campuses bildet das Gebäude der Students’ Union mit einigen Restaurants und Cafés, es gibt einen Buchladen, einen Supermarkt und das “Art Center” mit einem Theater und einer Galerie, deren überraschend hochkarätig bestückte Ausstellung zeitgenössischer Kunst neben der Tagung das eigentlich Highlight des Campusaufenthalts war. Die Studierenden leben in Wohnheimen rund um die Uni-Gebäude. Abrupt ist dann der Übergang von der Campus-Zivilisation ins Grüne, wo Gänsefamilien über die Wiesen und Felder watscheln. Überhaupt bildete das viele satte Grün auf dem Campus einen angenehmen Kontrast zu unserem eigenartig fensterlosen Seminarraum.

Auf dem Hin- und Rückweg zur University of Warwick machte ich Station in Birmingham. Nach Budapest, was war das für ein Kontrast! Ich fand die Stadt – zumindest das Zentrum – ziemlich gruselig. Dort dominieren gigantische Shoppingcenter und Einkaufsstraßen mit Ladenketten. Das Areal um Museum und Town Hall, die im Stil eines römischen Podiumstempels erbaut ist, war wegen des Abbruchs der brutalistischen Stadtbibliothek gerade eine einzige Baustelle. Jenseits der Innenstadt, südlich von Birminghams Chinatown, wo das Hotel lag, in dem ich auf der Rückreise noch für zwei Nächte abstieg, befanden sich quasi nur Abrisshäuser, die als Parkplätze genutzt wurden. Dabei ist die alte Architektur der Stadt eigentlich ziemlich spektakulär: Neo-Gothik mit Anklängen von Jugendstil, Klassizismus der Viktorianischen Zeit, Hochhäuser im Art déco Stil, die mich nach Klein-New York versetzten, und vor allem Industriearchitektur aus dem frühen 20. Jh. – Garagen, Produktionshallen, Fabrikschlote -, leider nur allzu meist in sehr bedauernswertem Zustand. Im Stadtteil Digbeth ist wenigstens die Custard Factory als Kreativ- und Designzentrum wiederauferstanden. In diesem Stadtviertel findet auch ein alljährliches Street Art Festival statt, das überall an den Wänden seine bunten Spuren hinterlassen hat.


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Donauabwärts nach Budapest

Anfang Mai machten wir endlich von Wien aus einen Abstecher nach Budapest – und fragten uns sofort, warum wir das eigentlich nicht schon eher gemacht haben! Uns gefiel die Stadt jedenfalls auf Anhieb! Auf der Pester Seite kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus vor so viel überwältigender Jahrhundertwende-Architektur. Jugendstil-Paläste, Art déco und fantasievoller Historismus, und alles umgeben von so einem morbiden Charme, weil die meisten Gebäude eben noch nicht renoviert sind und gerade in dieser Vergänglichkeit wunderschön und begehrenswert erscheinen. Überall gab es kleine Details zu entdecken. Im Gegensatz dazu war auf der anderen Donauseite auf der Burg von Buda alles touristisch geschleckt und damit geradezu langweilig. Die vielgerühmte Fischerbastei entpuppte sich als eine herausgeputzte historistische Scheußlichkeit – nicht alles was alt ist, muß auch schön sein -, wohingegen das Nebeneinander von Matthiaskirche und sozialistischem Hilton-Hotel durchaus seinen Reiz hatte. Abends erkundeten wir, zurück auf der Pester Seite, die lebhafte Restaurant- und Bar-Szene der Stadt und waren überrascht, wie gut man dort essen, trinken und weggehen konnte. Unterwegs bekam ich natürlich immer genug von meinen geliebten Baumkuchen, den Kürtőskalácsok ;-) Und was wäre Budapest ohne einen Besuch im Thermalbad! Wir entschieden uns für das Széchenyi-Bad im Stadtwäldchen und ließen es uns vor historistischer Kulisse im warmen Wasser einen Nachmittag lang gut gehen.

Natürlich mußten wir uns auch das ganz alte Budapest, das antike Aquincum anschauen. Die Hauptstadt der Provinz Pannonia Inferior war einst eine wahre Großstadt, bestehend aus einer Militärstadt um das Legionslager im Bereich von Óbuda und einer umfangreichen Zivilstadt im Norden der modernen Stadt, von der, inmitten von Plattenbauten, ein Teil ausgegraben und als Archäologischer Park mit kleinem Museum aufbereitet ist. Von der Originalsubstanz ist leider kaum noch etwas zu sehen, stattdessen gab es viele sozialistische Betonergänzungen und – weitaus interessanter – endlose Lapidarien, in denen wir die Vielfalt pannonischer Reliefs erkunden konnten. Neben den Grabstelen mit ihren teilweise recht individuellen Familienporträts fällt vor allem die Vorliebe der Pannonier für eigenwillige Mythendarstellungen auf. Im Museum gab es außerdem die berühmte Orgel zu bewundern, die laut einer Inschrift ein gewisser C. Iulius Viatorinus 228 n. Chr. in das Hauptquartier der Feuerwehr gestiftet hatte. Schließlich schauten wir uns noch das Nationalmuseum an, in dem die frühen Kulturen auf dem Gebiet Ungarns als Schritte eines Nation Building präsentiert werden. Hier gab es wieder ein Lapidarium, das noch einmal beeindruckendere Stücke enthielt als wir schon in Aquincum gesehen hatten.

 

 


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Grenzspaziergänge zu Ostern

Die Ostertage verbrachten wir dieses Jahr in Aachen. Begleitet von vorzeitigem Aprilwetter machten wir uns am Karfreitag auf dem Weg nach Belgien – von den jüngsten Ereignissen wollten wir uns nicht aufhalten lassen. Unser Ziel war das Hergé-Museum in Louvain-la-Neuve, dem “neuen Leuven“, einer Planstadt, die als neue Bleibe des französischsprachigen Teils der Uni Leuven gegründet worden war, nachdem sich dieser in den 1960er Jahren im Zuge des flämisch-wallonischen Konflikts vom flämischsprachigen Teil abgespalten hatte. Die Stadt präsentierte sich uns in ihrer einheitlich fantasielosen Backstein-Architektur wahnsinnig steril, wirkte aber für das uninspirierende Ambiente recht lebhaft. Umso mehr vermochte uns das erst 2009 eröffnete Museum zu begeistern! Es verwahrt Hergés Nachlaß aus seinem Studio: Modelle und Zeichnungen in allen Arbeitsstadien, die es ermöglichten, Hergés Arbeitsweise und den Entstehungsprozeß der Comics nachzuvollziehen. Fotos, allerlei Hintergrundinformationen und viele liebenswürdige kleine Gimmicks – z.B. liegt das Museum in der Rue Labrador Nr. 26, hat also dieselbe Adresse wie Tim in Brüssel – ließen das Herz eines echten Tim-und-Struppi-Fans wie mir höher schlagen! Schön war auch, daß es nicht nur um Tim und Struppi ging, sondern auch die anderen Serien von Hergé beleuchtet wurden. Ein ausnahmsweise mal wirklich informativer und nett gemachter Audioguide leitete durch die Ausstellung. Abschließend dürfte ich mich meiner Leidenschaft im gut sortierten Museumsshop hingeben :-)

Am Samstag nutzten wir das gute Wetter zu einem Spaziergang rund um den deutsch-belgischen Grenzübergang Köpfchen an Aachens Stadtgrenze. Ausgehend vom ehemaligen Personenkontrollkiosk, der heute als Kunstgalerie genutzt wird, führte der Weg uns zu den Grenzanlagen vergangener Jahrhunderte. Zunächst gelangten wir zu den verknorzelten Grenzbuchen des Aachener Landgrabens, der etwa vom 15.-18. Jh. die Grenzen des Aachener Reiches gesichert hatte und durch die einst dichte Buchenhecke quasi unpassierbar war. Auch ein Grenzstein mit dem Aachener Adler fand sich noch im Gelände. Am anderen Ende des Weges stießen wir dann mitten im Wald auf die Panzersperren des Westwalls, der durch seine unkaputtbare Präsenz immer wieder aufs Neue fasziniert.

Auf der Rückfahrt machten wir noch kurz Halt am Aachener Bismarck-Turm, einem einzigartigen, aber zugleich auch besonders kitschigen Exemplar dieser Gedenktürme. Der von dem Aachener Architekten Georg Frentzen in den Jahren 1905-1907 auf dem Ehrenfriedhof errichtete Turm hat nämlich die Form eines stilisierten B, geschmückt mit Büsten von Bismarck, Moltke und Roon über den Torbögen. Leider ist der Turm nur wochentags geöffnet, weshalb wir uns die Turmbesteigung für ein anderes Mal aufsparen mußten.

Unser Ostersonntagsausflug führte uns schließlich nach Köln. Anlaß war die Agrippina-Ausstellung des Römisch-Germanischen Museums, in der zum allerersten Mal der römische Körper und der Kopenhagener Kopf der schwarzen Agrippina-Statue zusammen zu sehen waren. In Wien hatte ich mich extra schon mit dem Besuch von Händels Oper “Agrippina” auf diesen Ausstellungsbesuch vorbereitet, und in Aachen hatten wir am Vorabend den neuen Kölner “Mamma Nero” Kräuterlikör gekostet. Aber alles half nichts. Die schwarze Agrippina war es natürlich wert, aber ansonsten war die Ausstellung ziemlich klein, und darüber, was die restlichen Exponate zusammenhielt, konnten wir nur mutmaßen. Insgesamt blieb Agrippina jedenfalls erstaunlich blass. Also hatten wir noch genügend Zeit, um ein Sonnenloch für einen Osterspaziergang auf der andere Seite des Rheins zu nutzen. An einem Hang im Rheinpark gingen wir unserem traditionellen Ostereierrollen nach und verspeisten die Verlierereier mit der ebenso traditionellen selbstgemachten Grünen Soße.


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Salzburg II: Auf der Suche nach der römischen Stadt

Der nächste Tag sollte eigentlich dem römischen Salzburg, Iuvavum, gewidmet sein, von dem ich bis auf die paar Römersteine in St. Peter und einigen spärlichen Ausgrabungsfunden aus der latènezeitlichen Höhensiedlung bzw. dem späteren römischen Heiligtum auf dem Festungsberg bisher nichts gesehen hatte. Also steuerte ich morgens als erstes das stadtgeschichtliche Salzburg Museum an, wo ich die reichen Funde der römischen Stadt erwartete – und herb enttäuscht wurde. Bis auf einige Statuetten aus Pfeiffenton – darunter auch einer der Salzburger Dornauszieher – aus den Grabungen auf dem Bürglstein um 1800, die als Teil der neueren Stadtgeschichte präsentiert wurden, und einer römischen Mauer mit Wandmalerei des 2. Jhs., im Hof der Neuen Residenz ausgegraben und in den Museumskeller versetzt, gab es dort nichts Römisches zu sehen. Aus Platzgründen wären die Antiken gerade nicht ausgestellt, hieß es. Überhaupt war das halbe Museum wegen des Aufbaus der Landesausstellung gerade geschlossen… Wutentbrannt ging ich weiter zum umlagerten Geburtshaus Mozarts. Dort gab es u. a. die Kindergeige des kleinen Wolfgang Amadeus zu sehen und einige Erinnerungsstücke an den Komponisten, darunter drei Objekte mit seinen Haarlocken, die, wie Analysen gezeigt haben, jedoch von zwei verschiedenen Personen stammen (ob einer davon Mozart war, wer weiß). Außerdem mußte ich natürlich noch die “originalen” Mozartkugeln als Mitbringsel erstehen – “original” sind übrigens nur die Pralinen, die seit 1890 der Salzburger Konditor Fürst herstellt, Nachahmerprodukte aus Salzburg dürfen sich lediglich “echt” nennen. Beim ersten Bissen offenbart sich sofort der Qualitätsunterschied!

Immer noch enttäuscht von meiner morgendlichen Pleite entschloß ich spontan, nach Hallein zu fahren und den Nachmittag im dortigen Keltenmuseum zu verbringen. Schon die Fahrt durch das Salzachtal mit Blick auf die schroffen Berge war sensationell! Auch das Museum vermochte mich auf Anhieb zu überzeugen: moderne, kreative Präsentation, Texte für jedes Interesse, von ganz allgemeinen Einführungen bis zu Detailinformationen, deutlich differenziert durch unterschiedliche Schriftgrößen, und vor allem ganz tolle Funde aus Gräberfeldern, Siedlungen und Salzbergwerken auf dem Dürrnberg! Die gut konservierten Funde aus den Salzbergwerken ließen den eisenzeitlichen Alltag wieder lebendig werden und erinnerten mich an den Hadrianswall (diese Schuhe ;-) !). Spektakulär und vor allem sehr fantasievoll waren die vielen verschiedenen Fibeln und die Schnabelkanne aus dem 5. Jh. v. Chr. aus einem Fürstengrab am Dürrnstein. Wieder besänftigt fuhr ich zurück nach Salzburg und von dortaus nach Wien.