Häferlkaffee


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documenta 14 – Teil 2: Promenadologie in Kassel

Zugegeben, mit ziemlicher Verspätung kommt dieser Rückblick auf unseren Besuch der documenta 14 in Kassel, aber wo es einen Teil 1 gibt, muß es schließlich auch einen Teil 2 geben…

Nachdem uns der erste Teil der documenta in Athen jedenfalls so gut gefallen hatte, besuchten wir zu meinem Geburtstag im Sommer 2017 die ‘Mutter’ der Ausstellung in Kassel. Auch in Kassel war die Ausstellung über die ganze Stadt verteilt, und wir schafften es nicht einmal ansatzweise, alle Venues abzuklappern. Dennoch bot die documenta hier weitaus weniger Überraschungen als in Athen, sondern glich eher einem Society Event: Die gut gekleidete Kultur-Bourgeoisie stand Schlange vor den altbekannten documenta-locations – und wir, die wir nun schon zum 3. Mal auf der documenta sind, gehören inzwischen wohl schon dazu. In den altbekannten Ausstellungsorten wirkten die Exponate uninspiriert nebeneinander gestellt, vor allem die Neue Galerie war völlig überfrachtet mit aneinandergereihten Kunstwerken zu unzusammenhängenden Themen. Man hatte geradezu das Gefühl, daß kein Problemthema der heutigen Zeit unangesprochen bleiben durfte. Außerdem waren uns viele Künstler schon aus Athen bekannt – wenn auch mit anderen Werken. Vielleicht gefiel uns deshalb die Ausstellung im Herzstück der documenta, dem Fridericianum – 1779 eröffnet eines der ersten öffentlichen Museen Europas -, besonders gut. Dieses Mal war dort nämlich die Sammlung des bis dahin uneröffneten Athener Nationalmuseums für Zeitgenössische Kunst (EMST) zu sehen, in dessen Gebäude in Athen ein Teil der documenta-Ausstellung untergebracht gewesen war. So bekamen wir ganz nebenbei einen Einblick in die uns gänzlich unbekannte griechische Kunst seit dem 2. Weltkrieg.

Am besten gefiel es uns in der erstmals für die documenta erschlossenen Nordstadt. Um sie zu erkunden, hatten wir einen der angebotenen ‘Spaziergänge’ gebucht. Eine der Wiederentdeckungen der documenta 14 war nämlich die von dem Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt in Kassel entwickelte Spaziergangswissenschaft, die Promenadologie, die “sich mit den Sequenzen [befasst], in welchen der Betracher seine Umwelt wahrnimmt” (L. Burckhardt, Promenadologische Betrachtungen über die Wahrnehmung der Umwelt und die Aufgaben unserer Generation [1996]). Wir hatten gehofft, zwischen den verschiedenen Ausstellungsorten also auch den Weg, die Folge von Eindrücken und Erwartungen im Stadtraum zu reflektieren. Stattdessen war es dann doch nur eine stinknormale Führung durch zwei der Ausstellungsorte, auf der zwar auch die Gruppe unter Anleitung des Chormitglieds (so hießen die Führenden) über die Kunstwerke diskutierte, der Weg selbst wurde aber eher als lästiger Zeitverlust wahrgenommen. Schade! Die Thesen Burckhardts zur Wahrnehmung der Landschaft sind nämlich durchaus lesenswert und lassen sich sicher auch auf die Antike anwenden. Wir gingen nach dem ‘Spaziergang’ jedenfalls gleich nochmal in die Neue Hauptpost, einen Kieselplatten-Giganten in der Nordstadt, um uns die dortige Ausstellung nochmal in Ruhe anzuschauen. Hier, zwischen den rohen Betonwänden und Spuren des ehemaligen Postsortiersystems, wehte noch ein bißchen der improvisierte Geist der Athener Ausstellungen. Dasselbe galt für den ‘KulturBahnhof’, den stillgelegten alten Hauptbahnhof, wo wir in einem Tunnel zwischen Kunst über die Gleise spazierten.

Fazit zur documenta 14: Gerade im Kontrast zu Athen war auch die Kasseler documenta interessant, doch weitaus inspirierender und voller Entdeckungen war der Ausstellungsteil in Athen!

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Abseits der dOCUMENTA

Unautorisierte Kunst im Stadtraum…
In Kassel gibt es die irrsten Straßennamen, und die Straße in Bild 7 heißt tatsächlich “Seidenes Strümpfchen”! Das letzte Bild zeigt übrigens den Blick aus dem Fenster unserer Pension in der Kasseler Nordstadt.

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dOCUMENTA 13

Ein Wochenendausflug nach Kassel. Nachdem ich eine Reportage über die diesjährige dOCUMENTA gesehen hatte, war ich anfänglich doch skeptisch, ob mich das ganzheitliche Konzept von Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev, das auch Hunde als Kunstbetrachter miteinbezog, aber jegliche unautorisierte Kunst aus dem öffentlichen Raum verbannen wollte, so überzeugen würde. Aber dann war ich mehr als positiv überrascht! Die ausgestellte Kunst war sehr politisch – fokusiert auf die Krisen unserer Zeit, vor allem in Afghanistan und im Arabischen Frühling, und in Beziehung gesetzt zu Kunst der 30er Jahre (was vielleicht in einer Ausstellung zeitgenössischer Kunst etwas irritierte) -, ein weiteres Thema waren Nachhaltigkeit und Umwelt. Also genau die Kunst, die mich interessiert! Sehr angenehm waren die Ausstellungsräume auch nicht überladen. Was aber eher nervte: Schlange Stehen als Teil des Konzepts, vor den einzelnen Venues ebenso wie vor bestimmten Sälen. Zuviel Exklusivität für so eine Massenshau…
Kurz: Das Friedericianum, Haupthaus der dOCUMENTA und erstes Museum Europas (1779 wurde der Bau fertiggestellt; Bild 1) – Antikenrezeption auf der dOCUMENTA: die Elgin Marbles von Gustav Metzger (Bild 2) – Thomas Bayerle in der dOCUMENTA-Halle (Bild 3) – Landart von Song Dong: ein Biotop mitten im Barockgarten (Bild 4) – auch Buttermilch und Bio-Himbeeren können Kunst sein: AND AND AND Solidarity Economy Organic Food Kiosk (Bilder 5-7) – Kunst im Bunker mit Helmpflicht (Bild 8) – für mich ein absolutes Highlight: Adrián Villar Rojas auf den Weinbergterrassen (Bilder 9-10) – alternatives Wohnen von Thaster Gates im Hugenottenhaus (Bild 11) – Mitmachkunst von Ida Applebroog (Bilder 12-13) – und schließlich waren auch Splitter des von den Taliban zerstörten Buddhas von Bamiyan Teil einer Kunstinstallation von Michael Rakowitz (Bild 14).

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