Häferlkaffee


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Zweimal Megalomanie am Rande von “Mittelalterlicher Mythenrezeption” in Bochum

Anfang Juni war ich schonwieder auf einer Tagung, diesmal in Bochum. Es war seit Langem die netteste Tagung, auf der ich war, und das, obwohl ich zuerst gedacht hatte, daß Mythenrezeption im Mittelalter eigentlich nicht unbedingt mein Thema sei: eine kleine Gruppe von durchwegs sympathischen Teilnehmern, viel Zeit zum Diskutieren nach den einzelnen Vorträgen, die auch intensiv genutzt wurde, und ein schöner Tagungsort, die Kunstsammlungen der Ruhr-Universität, die sich durch ihre Mischung aus antiker und moderner Kunst auszeichnen.

Auch die Ruhr-Uni ist eine Campus-Uni, in dem Sinne, daß fast alle ihre Institute und Einrichtungen in einem Campus am Stadtrand zusammengefaßt sind – anders als in Warwick allerdings mit Stadtanschluß. So übernachteten wir auch alle in der Stadt. Ich war in einem Hotel in Bochums Bermuda-Dreieck untergebracht, auf der Party-Meile, wo ich einst auf Klassenfahrt meinen ersten Tequila getrunken hatte. Als wir in genau demselben Lokal wieder einkehrten, war es erschreckend, wie wenig sich dort verändert hatte…

Die Ruhr-Universität wurde 1962 als erste neue Universität in der Bundesrepublik Deutschland gegründet, und zwar als Reformuniversität, d.h. mit interdisziplinärer Kooperation statt Hierarchisierung zwischen den verschiedenen Fächern. Das sollte sich auch in der Architektur spiegeln: der von dem Architekten Helmut Hentrich entworfene Campus sollte ein Hafen im Meer des Wissens sein. Die Gebäude – alle gleich gestaltet (die unterschiedlichen Farbfassungen der Gebäude sind rezent) – sind Schiffe, die um ein Zentrum mit Audimax – in Form einer Muschel – , Mensa, UB (mit Kunstsammlungen im Keller) und Verwaltung angelegt sind. Der nackte Beton sollte Gleichheit und Offenheit unterstreichen. Auf verschiedenen Ebenen sind die Gebäude immer wieder untereinander verbunden. Ein Mega-Vorhaben! Der Campus, immer wieder mit Grünanlagen und Kunst am Bau zwischen den stellenweise fast skulpturalen Gebäuden, vermochte mich in seiner Monumentalität durchaus zu beeindrucken. Und hinter der riesigen Betonskulptur Uni beginnt dann gleich das Ruhrtal, komplett mit Bauernhof und endlosem Grün – ein irrer Kontrast!

Die Rückfahrt von der Tagung legten wir über die Villa Hügel in Essen. Der 1870-1873 von Alfred Krupp errichtete Sitz der Industriellenfamilie beeindruckte mich in seinem Größenwahn fast noch mehr als der Campus der Ruhr-Uni. Die Villa besteht aus dem Haupthaus und einem kleineren Logierhaus, die über einen länglichen Trakt aus Bibliothek und Festsaal miteinander verbunden sind – insgesamt 269 Räume auf 8.100 m², die nach festen Vorstellungen Alfred Krupps entstanden. Die Fotos vermögen die Monumentalität des Haupthauses nur ungenügend wiederzugeben. Schon beim Eintreten überwältigte uns die schiere Größe (432 m²) und Höhe der Eingangshalle. Darüber befindet sich im 1. Stock eine ebenso große Halle, die mit ihrem modernen Glasgewölbe wie eine Bahnhofshalle wirkt. Ihre heute erhaltene prunktvolle Innenausstattung im Neo-Renaissance-Stil geht auf Alfreds Enkelin Bertha zurück, die dafür keinen Geringeren als den kaiserlichen Hofbaumeister Ernst von Ihne beschäftigte und kurz vor dem 1. Weltkrieg für die Hausmusik sogar noch eine Orgel einbauen ließ. Aus ihrer Zeit stammt auch die dunkle Holzvertäfelung in den Repräsentationsräumen im Erdgeschoß; zu Alfreds Zeit waren die Räume wohl eher schlicht gestaltet. Er legte mehr Wert auf die technische Ausstattung der Villa, die auf dem neusten Stand sein sollte. Gasbeleuchtung, fließend Wasser, für das ein eigenes Wasserwek sorgte, eine Telegraphenanlage und eine Warmwasserheizung ließ er einbauen. Leider sollte die Heizanlage jedoch nie richtig funktionieren, so daß lediglich das kleinere Logierhaus befriedigend zu beheizen war. 1883 wurde sie durch eine Warmluftheizung und Lüftung ersetzt, von der heute noch die Lüftungsschlitze in den Räumen zeugen. Aber auch diese Anlage funktionierte wohl nur unbefriedigend. Alfreds Sohn Friedrich Alfred ließ schließlich elektrisches Licht legen, wofür ein eigenes Elektrizitätwerk an der Ruhr notwendig wurde. Er war es auch, der den Grundstock für eine umfangreiche Gobelin-Sammlung legte. Die Industriellenvilla zeugt in ihrer faszinierenden Monumentalität und übertriebenen Ausstattung von einer Zeit, in der die Möglichkeiten grenzenlos erschienen.

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Campus Life in den Western Midlands: Warwick und Birmingham

Mitte Mai fuhr ich zu einer Tagung an die University of Warwick und verbrachte dort zum allerersten Mal einige Tage und Nächte an einer echten Campus-Uni. Bei der Uni von Warwick handelt es sich um eine Neugründung aus den 1960er Jahren auf der grünen Wiese, paradoxerweise näher an Coventry als an Warwick. Das Zentrum des entsprechend vollkommen modernen Campuses bildet das Gebäude der Students’ Union mit einigen Restaurants und Cafés, es gibt einen Buchladen, einen Supermarkt und das “Art Center” mit einem Theater und einer Galerie, deren überraschend hochkarätig bestückte Ausstellung zeitgenössischer Kunst neben der Tagung das eigentlich Highlight des Campusaufenthalts war. Die Studierenden leben in Wohnheimen rund um die Uni-Gebäude. Abrupt ist dann der Übergang von der Campus-Zivilisation ins Grüne, wo Gänsefamilien über die Wiesen und Felder watscheln. Überhaupt bildete das viele satte Grün auf dem Campus einen angenehmen Kontrast zu unserem eigenartig fensterlosen Seminarraum.

Auf dem Hin- und Rückweg zur University of Warwick machte ich Station in Birmingham. Nach Budapest, was war das für ein Kontrast! Ich fand die Stadt – zumindest das Zentrum – ziemlich gruselig. Dort dominieren gigantische Shoppingcenter und Einkaufsstraßen mit Ladenketten. Das Areal um Museum und Town Hall, die im Stil eines römischen Podiumstempels erbaut ist, war wegen des Abbruchs der brutalistischen Stadtbibliothek gerade eine einzige Baustelle. Jenseits der Innenstadt, südlich von Birminghams Chinatown, wo das Hotel lag, in dem ich auf der Rückreise noch für zwei Nächte abstieg, befanden sich quasi nur Abrisshäuser, die als Parkplätze genutzt wurden. Dabei ist die alte Architektur der Stadt eigentlich ziemlich spektakulär: Neo-Gothik mit Anklängen von Jugendstil, Klassizismus der Viktorianischen Zeit, Hochhäuser im Art déco Stil, die mich nach Klein-New York versetzten, und vor allem Industriearchitektur aus dem frühen 20. Jh. – Garagen, Produktionshallen, Fabrikschlote -, leider nur allzu meist in sehr bedauernswertem Zustand. Im Stadtteil Digbeth ist wenigstens die Custard Factory als Kreativ- und Designzentrum wiederauferstanden. In diesem Stadtviertel findet auch ein alljährliches Street Art Festival statt, das überall an den Wänden seine bunten Spuren hinterlassen hat.


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Donauabwärts nach Budapest

Anfang Mai machten wir endlich von Wien aus einen Abstecher nach Budapest – und fragten uns sofort, warum wir das eigentlich nicht schon eher gemacht haben! Uns gefiel die Stadt jedenfalls auf Anhieb! Auf der Pester Seite kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus vor so viel überwältigender Jahrhundertwende-Architektur. Jugendstil-Paläste, Art déco und fantasievoller Historismus, und alles umgeben von so einem morbiden Charme, weil die meisten Gebäude eben noch nicht renoviert sind und gerade in dieser Vergänglichkeit wunderschön und begehrenswert erscheinen. Überall gab es kleine Details zu entdecken. Im Gegensatz dazu war auf der anderen Donauseite auf der Burg von Buda alles touristisch geschleckt und damit geradezu langweilig. Die vielgerühmte Fischerbastei entpuppte sich als eine herausgeputzte historistische Scheußlichkeit – nicht alles was alt ist, muß auch schön sein -, wohingegen das Nebeneinander von Matthiaskirche und sozialistischem Hilton-Hotel durchaus seinen Reiz hatte. Abends erkundeten wir, zurück auf der Pester Seite, die lebhafte Restaurant- und Bar-Szene der Stadt und waren überrascht, wie gut man dort essen, trinken und weggehen konnte. Unterwegs bekam ich natürlich immer genug von meinen geliebten Baumkuchen, den Kürtőskalácsok ;-) Und was wäre Budapest ohne einen Besuch im Thermalbad! Wir entschieden uns für das Széchenyi-Bad im Stadtwäldchen und ließen es uns vor historistischer Kulisse im warmen Wasser einen Nachmittag lang gut gehen.

Natürlich mußten wir uns auch das ganz alte Budapest, das antike Aquincum anschauen. Die Hauptstadt der Provinz Pannonia Inferior war einst eine wahre Großstadt, bestehend aus einer Militärstadt um das Legionslager im Bereich von Óbuda und einer umfangreichen Zivilstadt im Norden der modernen Stadt, von der, inmitten von Plattenbauten, ein Teil ausgegraben und als Archäologischer Park mit kleinem Museum aufbereitet ist. Von der Originalsubstanz ist leider kaum noch etwas zu sehen, stattdessen gab es viele sozialistische Betonergänzungen und – weitaus interessanter – endlose Lapidarien, in denen wir die Vielfalt pannonischer Reliefs erkunden konnten. Neben den Grabstelen mit ihren teilweise recht individuellen Familienporträts fällt vor allem die Vorliebe der Pannonier für eigenwillige Mythendarstellungen auf. Im Museum gab es außerdem die berühmte Orgel zu bewundern, die laut einer Inschrift ein gewisser C. Iulius Viatorinus 228 n. Chr. in das Hauptquartier der Feuerwehr gestiftet hatte. Schließlich schauten wir uns noch das Nationalmuseum an, in dem die frühen Kulturen auf dem Gebiet Ungarns als Schritte eines Nation Building präsentiert werden. Hier gab es wieder ein Lapidarium, das noch einmal beeindruckendere Stücke enthielt als wir schon in Aquincum gesehen hatten.

 

 


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Urbs Venetorum im Vineta-Eck

An der Berliner Straße, Ecke Tiroler Straße war lange Zeit ein An- und Verkauf. In dem zugehörigen Antiquariat habe ich einige archäologische Bücher gekauft, und auch sonst gab es manchmal was zu entdecken, auch wenn wir nicht besonders oft drin waren. Nun steht der Laden schon seit Längerem leer, aber erst im September habe ich zufällig mal durch die verstaubten Scheiben geschaut. Früher war der An- und Verkauf so vollgeräumt, daß man gar nicht erkannt hat, daß er in einem ehemaligen Lokal eingerichtet war. Nun, so ganz leer, zeichnen sich die Strukturen der ziemlich geräumigen Kneipe deutlich ab: die Toiletten im hinteren Teil des Lokals, die Bar – teilweise mit Spiegelfliesen -, die Garderobenständer, und an der Rückwand des ersten Raumes: ein monumentales Wandgemälde! Es zeigt die versunkene Stadt Vineta – Urbs Venetorum – mitsamt Ritterburg, schwimmenden Rittern und Meerjungfrau. Ich würde schätzen, es stammt aus den 50er Jahren. Die Fotos sind leider schrecklich schlecht, aber besser ging es durch die verdreckten Scheiben an einem Sonnentag nicht. Auch sonst ließ sich nicht viel über das mysteriöse Wandgemälde herausfinden. Dem Grundriß des Hauses nach zu urteilen, war dort von Anfang an ein Lokal vorgesehen. Noch mindestens bis in die 1990er Jahre befand sich in diesen Räumlichkeiten das “Vineta-Eck”. Noch früher – seit dem Bau des Hauses? – hieß es “Pankower Bierhallen”. Nun ist zu befürchten, daß ein neuer Mieter diesen Schatz von einem Wandbild nicht erhalten wird. Schade! Ich fantasierte gleich, wie gut sich dieses Bild als backdrop meines Wohn- oder Arbeitszimmers machen würde – aber dann wären mir diese Räumlichkeiten doch zu exponiert.


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Genter Vergnügen

Nach unserem Besuch in Oostende fuhren wir weiter nach Gent und verbrachten dort eine Nacht und einen Tag. Entgegen unserer sonstigen Gewohnheit ließen wir uns einfach nur durch die schönen Gässchen, netten Geschäfte und einladenden Lokale treiben. In einigen Gässchen fühlten wir uns fast ins Mittelalter zurückversetzt, und an den Häuserfassaden gab es wahnsinnig viele fantasievolle Details zu entdecken. Nur dem Genter Altar, von Jan van Eyck, wahrscheinlich unter Mitwirkung seines Bruders Hubert, 1432 vollendet, in der St.-Bravo-Kirche mußten wir einfach einen Besuch abstatten. Abgeschirmt in einem Glaskasten in einem unattraktiven Nebenraum der Kirche verfehlte er dennoch nicht seine Wirkung – ein wahres Meisterwerk!


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Ruinenromantik am Kalenderberg

An einem sonnigen Sonntag im April bestieg ich den Kalenderberg bei Mödling. Im Gelände verstreut sind künstliche Ruinen, die Fürst Johann Josef I. von und zu Liechtenstein Anfang des 19. Jhs. anlegen ließ. Der Weg führte zunächst durch felsige Landschaft über Stiegen, vorbei an im Wind gebogenen Föhren, wo ich mich fast in der Sächsischen Schweiz wähnte. Dramatisch am Hang liegt der Schwarze Turm, als erste der künstlichen Ruinen 1809 erbaut und heute noch bewohnt (ich wurde ganz neidisch ;-) ). Es folgten das Pfefferbüchsel, eine kleine Kapelle, von der heute jedoch nur noch wenig übrig ist, und die Römerwand, die ich nach langem Suchen endlich unter einem Antennenmast aufstöberte. Von hier aus machte ich einen Abstecher zur Seegrotte in der Vorderbrühl, trotz des romatischen Namens keine weitere Ruine, sondern ein stillgelegtes Gipsbergwerk. 1912 gab es dort auf der unteren Stollenebene einen Wassereinbruch, woraufhin der Betrieb eingestellt wurde. Im 2. Weltkrieg wurde in der oberen Ebene eine unterirdische Flugzeugfabrik der Heinkel AG eingerichtet, in der von KZ-Häftlingen aus Mauthausen Rumpfteile der Heinkel HE 162 gebaut wurden. Heute wird der untere Stollen soweit freigepumpt, daß man mit dem Boot darin fahren kann – angeblich ist es der größte unterirdische See Europas, der auch schon häufig als Filmkulisse herhalten mußte, so in der Disney-Verfilmung der “Drei Musketiere”, wovon noch etliche zurückgelassene Kulissen zeugen. Nach der kleinen Bootsfahrt wanderte ich zurück zum Kalenderberg und beschloß die Runde an den Bögen des Amphitheaters – sehr gut getroffen – und dem klassizistischen Schloß mit der gegenüber gelegenen, auf mittelalterlichen Resten erbauten Burg Liechtenstein. Sie von innen zu besichtigen habe ich mich allerdings fürs nächste Mal aufgehoben ;-)


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Stadt der trauernden Engel

Ich wußte gar nicht, daß der St. Marxer Friedhof, wo Mozart seine letzte Ruhestätte fand, so schön ist! Als Kaiser Josef II. aus hygienischen Gründen die Schließung aller innerstädtischen Friedhöfe anordnete, wurden 1784 außerhalb des Linienwalls fünf “communale Friedhöfe” angelegt. Als dann 1874 der Zentralfriedhof eröffnet wurde, wurden auch diese Friedhöfe aufgelassen und in Parks umgewandelt – so vor meinem Bürofenster, wo der Währinger Park entstand. Auch der Friedhof von St. Marx wurde geschlossen, doch er wurde nicht zu einer gepfegten Parkanlage, sondern man ließ ihn verwildern – bis heute -, und so ist er der einzige dieser “communalen Friedhöfe”, der heute noch erhalten ist. Man wandelt zwischen den teilweise umgefallenen und überwucherten Grabsteinen. Blumen blühen, und die Vögel schaffen es mit ihrem Gesang sogar, die um den Friedhof herum kreisende Autobahn zu übertönen. Im Bereich der Schachtgräber, ungefähr dort wo Mozart 1791 bestattet wurde, wurde nachträglich ein Grabmal für ihn errichtet. Übrigens wurde auch Josef Madersperger, der erfolglose Erfinder der Nähmaschine, in einem solchen Schachtgrab auf dem St. Marxer Friedhof beigesetzt. Ob die vielen steinernen Engel, die zwischen dem Gestrüpp immer wieder hervorlugen und um ihre Toten trauern, in der Nacht lebendig werden?