Häferlkaffee


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Flüssiges Manner II

Passend zu den frostigen Temperaturen und dem Schneegriesel der letzten Tage haben wir am Wochenende endlich das Bier verkostet, das wir von unserem letzten Wienbesuch mitgebracht haben: ein Imperial Stout mit dem Namen “Schnittenfahrt” – ja, Schnitten, nicht Schlitten, denn dieses Winterbier vom Brauwerk, einer zu Ottakringer gehörenden Kleinbrauerei in Wien, ist quasi eine flüssige Mannerschnitte. Neben Waffelbröseln wurden Schokolade, Vanille und Haselnüsse verbraut. Ich war ja zunächst skeptisch, als ich die Zutatenliste las, und nahm das Bier nur mit, um auch diesen Aggregatzustand der Mannerschnitte zu probieren. Aber dann war ich angenehm überrascht: Das Bier schmeckt lecker schokoladig, ohne süß oder gar zu vanillig zu sein. So jedenfalls schmeckt die Schnitte ;-)

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Was ich aus Wien vermissen werde

Heute zum Jahreswechsel gibt es einen kurzen Rückblick auf die schönen Seiten Wiens. Natürlich gibt es auch Dinge, denen ich keine Träne hinterherweinen werde, wie die verrauchten Lokale (die es wohl auch noch länger geben wird, nachdem die neue österreichische Regierung angekündigt hat, das für 2018 geplante Rauchverbot zu kippen), die reglementierenden Zäune in den viel zu ordentlichen Parks, die fehlenden Straßenbäume, die aggressiven Autofahrer, die Dauerbaustelle vor meinem Fenster und die engen, versiegelten Gassen, die sich im Sommer in tropische Wüsten verwandeln, während im Winter der Wind hindurchpfeift.

Ganz abgesehen von den vielen lieben Freunden und Kollegen, die mir jetzt schon fehlen, gibt es vieles, was ich in den sechs ereignisreichen Jahren an Wien zu schätzen gelernt habe und was ich sicher sehr vermissen werde.

1) Der Donaukanal mit seiner immer neuen Street Art und den lässigen Lokalen. Als ich den Donaukanal entdeckt habe, wußte ich, daß ich mich in Wien wohlfühlen kann. Im Gegensatz zum Rest der Stadt, der mir größtenteils doch zu ordentlich und konservativ ist, ist der Donaukanal einer der wenigen Orte in Wien, an dem es noch Freiräume gibt. Leider wird auch er mit schicken Lokalen und Werbe-Events zunehmend kommerzialisiert und gentrifiziert.

2) Der Karmelitermarkt. Mein all-samstägliches Ritual: am Donaukanal entlang zum Karmelitermarkt im 2. Bezirk spazieren oder mit dem Fahrrad fahren, um für die Woche einzukaufen. Zugegeben, der Markt ist mit seinen vielen Lokalen und Krimskrams-Ständen schon ziemlich Bobo, wie der Wiener die “bourgeois bohemians” nennt, die dort vorzugsweise einkaufen. Aber die reichliche Auswahl an Bio-Obst und Gemüse aus der Region, Blumen, Brot, Käse und Schinken ist schon einmalig!

3) Der Wiener Sommer. Im Sommer fand ich Wien eigentlich immer am schönsten. Da locken nämlich zahlreiche Open-Air-Konzerte und Sommerkinos, vieles davon mit gratis Eintritt, die Wiener nach draußen – ganz wie beim ‘Estate Romana’, den ich in Rom immer so genossen habe. Beim Donaukanaltreiben, Popfest auf dem Karlsplatz oder dem traditionsreichen Donauinsel-Fest habe ich neue österreichische Bands entdeckt, und auf immer wechselnden Plätzen in der Stadt gab es auf großer Leinwand Filme zu sehen, die ich mir sonst wahrscheinlich nie angeschaut hätte.

4) Im Sommer mal schnell in die Alte Donau hüpfen. Dieser Altarm der Donau heizt sich zwar im Laufe des Sommers auf, und beim Schwimmen kitzeln einem die Unterwasserpflanzen an den Füßen, wenn sie nicht gerade frisch gemäht sind. Doch zu verlockend war das kühle Naß im heißen Sommer: schnell vom Büro aus mit der U-Bahn oder mit dem Fahrrad zur Romawiese, ein paar Runden im Wasser gedreht und abschließend beim Birner noch eine Kugel Kürbiskernöl-Eis geschleckt :-)

5) Die Festwochen. Das Theaterfestival war ein fester Bestandteil meines Wiener Frühsommers. Jedes Jahr war ich aufs Neue beeindruckt, was für hochkarätige Produktionen aus aller Welt die Intendanten zusammengetrugen! Ich habe dort Inszenierungen aus Italien, dem Libanon, Iran und anderswo und beeindruckende zeitgenössische Opern gesehen. Dazu gab es immer eine gute Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Im November folgte dann das Wiener Filmfestival Viennale, wo ich ganz ohne Anstehen viele internationale Filme angeschaut habe.

6) Die Nähe zum Wienerwald. Was ich in Wien ganz besonders geliebt habe, waren meine Wanderungen im Wienerwald. Schnell ist man aus der Stadt im Grünen. Im Laufe der Jahre bin ich sämtliche Stadtwanderwege abgegangen und sogar einmal rundumadum Wien gewandert. Meine Stammstrecke war aber der Kahlenberg, die ich bequem mit der Straßenbahn vor meiner Haustür erreichte. Besonders gerne bestieg ich auch den Bisamberg und kehrte auf dem Weg bei meinem liebsten Buschenschank in einem verwunschenen Weingarten ein. Überhaupt bringt die Nähe zu den Weinbergen die Heurigen mit sich, wo ich so manch schönen Abend mit Freunden verbrachte! Wenn man aus Berlin kommt, kennt man ja eigentlich nur ‘Weiß- und Rotwein’, in Wien lernte ich die Unterschiede zwischen den Rebsorten schätzen. Und natürlich den unwiderstehlichen, gefährlichen Sturm, den noch gärenden neuen Wein, der zum Ausklang des Sommers gehört!

Es gibt also genug Gründe, wieder nach Wien zu kommen!


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Ein vergessenes Mahnmal: das Monument Interallié in Liège

Unterwegs auf der belgischen Autobahn entdeckten wir einmal in der Ferne auf einem Hügel über Liège eine riesige Kirche, die keiner zu kennen schien. Nach kurzer Recherche identifizierten wir sie als das ‘Monument Interallié’. An einem regnerischen Dezembertag fuhren wir hin – übrigens unser letzter Ausflug aus Aachen.

Nach dem 1. Weltkrieg kam in der Internationalen Föderation der Veteranen der Wunsch auf, ein internationales Mahnmal für die Opfer des Krieges zu errichten. Nach langer Diskussion einigte man sich 1925 auf Liège als Standort, denn die strategisch wichtige Stadt war der ersten massiven Angriffsoperation der deutschen Streitkräfte zum Opfer gefallen. Vor einigen Jahren haben wir das zerstörte Fort Loncin besucht, das von der Einnahme der Stadt zeugt. Da auch das Bistum von Liège eine Kirche in Gedenken an die Weltkriegsopfer errichten wollte, entschied man schließlich, beide Projekte zu verbinden. Man beauftragte den Antwerpener Architekten Joseph Smolderen, und 1928 konnte mit dem Bau begonnen werden. Im Stadtteil Cointe wurde neben der Kirche Sacré Cœur ein 75 m hoher Turm als ziviles Mahnmal geplant. Doch es dauerte noch lange, bis die Anlage fertig werden sollte. Denn kaum hatte man mit dem Bau begonnen, ging auch schon das Geld aus. Man war beim Bau auf einen alten Kohlestollen unter dem Bauplatz gestoßen, der aufwendig mit eingeleitetem Zement abgestützt werden mußte. Dennoch wurde 1936 die Kirche geweiht, und 1937 konnte der belgische König Leopold III von dem zivilen Mahnmal wenigstens den Vorplatz für die Denkmäler der alliierten Länder einweihen. Im 2. Weltkrieg wurden die unvollendeten Gebäude schwer beschädigt. Erst lange nach Kriegsende wurden sie restauriert, so daß 1968 schließlich auch der Turm fertiggestellt und eingeweiht werden konnte. Heute kann er nur dreimal im Jahr von Publikum bestiegen werden und bietet wohl einen schönen Blick über Liège und sein Umland – wir hatten leider nicht das Glück, einen dieser Tage zu erwischen. Die einzelnen Monumente der Alliierten trafen offenbar nur spärlich ein. Die meisten Denkmäler, die heute auf dem offenen Platz, der “Salle des Pylones”, aufgestellt sind, stammen offenbar aus den 1980er/90er Jahren. Die wenigen Monumente in der meist unzugänglichen Krypta des Turms sind wohl älter. Die Kirche, als Zentralbau im neobyzantinischen Stil ausgeführt, ist heute entweiht und verfällt zunehmend. Ein eindrucksvolles Graffiti des Brüsseler Street-Art- Künstlers Bonom überzieht den bröckelnden Bau. Die fliegenden Vögeln erscheinen wie ein Hoffnungsschimmer, während sich an das große internationale Projekt, das ewig zum Frieden mahnen sollte, heute kaum mehr jemand zu erinnern scheint.


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Die ultimative Aachener Printenverkostung

Von Anfang an war ich in Aachen ein großer Fan der Printen – insbesondere seitdem uns auf dem Balkon gelegentlich der Printenduft der benachbarten Printenbäckerei in die Nase stieg. Die gewürzten Honigkuchen, deren Rezept Kaiser Karl sogar mit ins Grab genommen haben soll, hat hier in Aachen fast jeder Bäcker im Repertoire. Diesen Sommer hatten wir uns die ultimative Challenge vorgenommen: wir wollten die beste Printe Aachens küren. Zu allen der um die 40 Printenbäcker (einige werden hier vorgestellt) haben wir es zwar leider nicht geschafft, da auch nicht mehr alle existieren und wir uns mehr oder weniger auf Bäcker aus dem Stadtgebiet konzentrierten. In den letzten Jahren haben wir auch solche aus Simmerath oder Monschau probiert, diese sind nun leider nicht zum Zuge gekommen. Aber immerhin aus 18 verschiedenen Bäckereien haben wir die Printen verkostet. Dazu gehörten die großen, in der Stadt omnipräsententen Anbieter wie Drouven, Kickartz, Klein, Leo, Moss, Nobis, Roderberg oder das auch überregional bekannte Lambertz. Außerdem klapperten wir zahlreiche kleinere Betriebe mit nur einer Filiale ab, nämlich van den Daele, Dahmen, Eschweiler, Esser, Wilhelm Kaussen, Lammerskötter, Mannebach, Mehlkopf, Middelberg und Simais, wobei wir so manche uns zuvor völlig unbekannte Bäckerei entdeckten.

Printen werden in allerhand Varianten angeboten, weich oder hart, mit Schokolade, Nüssen und anderen Leckereien überzogen. Wir wählten jedoch die klassische harte Kräuterprinte für unsere Verkostung, um die best mögliche Vergleichbarkeit herzustellen. Preislich rangiert eine Packung Kräuterprinten zumeist um die 3 Euro, dabei waren die Printen der Bäckerei Simais mit 3,75 Euro die teuersten im Test, die zum Kampfpreis von 1 Euro angeboteten von Lambertz die günstigsten.
Trotz der ähnlichen Rezeptur war jede Printe ein bißchen anders. Es gibt Printen, bei denen einzelne Gewürze besonders stark hervorschmecken, wie z.B. bei Drouven, Kaussen oder Moss, und andere, bei denen die Gewürze etwas ausgewogener sind. Manche Printen sind insgesamt sehr stark gewürzt, z.B. von Lammerskötter oder Nobis, während andere, wie von Dahmen, Mehlkopf, Lambertz oder Simais, eher zurückhaltend sind. Auch in der Konsistenz unterscheiden sie sich: Manche Printen sind eher weich, so bei Esser, Lambertz, Nobis oder Roderburg, andere eher hart, wie die Printen von Eschweiler, Klein oder Mehlkopf. Manche Printenbissen waren zudem beim Kauen sehr klebrig, was insbesondere bei Kaussen und Kickarzt auffiel. Optisch gab es helle (vor allem von Lambertz und Leo) und dunkle Printen (besonders von Nobis und Roderberg). Sie zeichnen sich größtenteils durch eine glatte, zum Teil aber auch durch eine eher rissige Oberfläche wie z.B. bei Drouven, Lammerskötter oder Mannebach aus. Die meisten Printen sind zudem mit einem Printenglanz aus Kartoffelstärke überzogen, nur die Printen von van den Daele und Middelberg haben eine matte Oberfläche. Außerdem unterscheiden sich die Printen in Bezug auf die Größe der charakteristischen mitgebackenen Kandisstücke. Bei einigen der Großbäckereien wie Leo und Lambertz fiel zudem auf, dass Glukose-Fruktose-Sirup und ähnliche optimierte Zutaten verwendet wurden.

Für uns war das Ergebnis des Geschmackstests am Ende überraschend: “die beste Printe” gibt es nicht! Alleine für sich gekostet schmeckte eigentlich fast jede Printe gut, erst im unmittelbaren Vergleich zeigten sich die Unterschiede. Welche Printe man dann bevorzugt, kommt auch darauf an, ob man gerade auf mehr oder weniger Gewürze Lust hat. Wir hatten außerdem erwartet, geschmacklich einen deutlichen Unterschied zwischen den Printen der großen Ketten und den Printen der weniger bekannten kleineren Bäcker auszumachen, doch auch das war nicht der Fall. Es gab allerdings einige Printen, die so langweilig schmeckten, dass wir sie nicht noch einmal kaufen würden. Überhaupt nicht überzeugen konnten uns leider die Printen von Eschweiler, Esser, Leo und Simais. Diesen Printen fehlte irgendwie der Charakter, denn sie waren geschmacklich fad und vordergründig eher süß als würzig bzw. kamen die Gewürze erst sehr spät durch.

Sehr gut geschmeckt haben uns hingegen die Printen von Klein, Lammerskötter, Mannebach und Nobis, bei denen die Gewürze besonders ausgewogen sind. Dabei sind die Printen von Klein und Mannebach etwas milder im Geschmack, diejenigen von Nobis und Lammerskötter etwas stärker gewürzt. Die Printen der Bäckerei Mannebach sind geschmacklich zunächst etwas zurückhaltend, bevor der Anisgeschmack hervortritt. Die Printen der Bäckerei Klein, die als letzte der großen Anbieter noch im Stadtzentrum backt, sind sehr hart und eher keksig (können aber, worauf die Verkäufer stets hinweisen, mithilfe eines Apfelstückchens in der Dose schön weich gemacht werden). Sie haben einen angenehmen, unaufdringlichen Geschmack und eine helle, glatte Oberfläche. Die Printen der Bäckerei Nobis, die in der Stadt wohl am meisten Präsenz zeigt, sind hingegen für eine Hartprinte sehr weich, außerdem fällt in der Zutatenliste auf, daß auch Roggenmehl verwendet wird. Die Printen der Bäckerei Lammerskötter in Burtscheid schließlich haben einen satten, ausgewogenen Kräutergeschmack und zeichnen sich durch besonders große Kandisstückchen aus. Mir schmeckten auch die Printen von Drouven ziemlich gut, allerdings ist der Geschmack weniger ausgewogen und man sollte ein Freund des Kardamons sein, der sehr stark hervortritt. Durchaus wieder kaufen würden wir auch die Kräuterprinten der Alt Aachener Kaffeestuben van den Daele, auch wenn sie streng genommen weniger Printen als gewürzte Kekse sind und tatsächlich auch in Belgien und nicht in Aachen produziert werden. Sie sind zudem deutlich kleiner als die üblichen Printen und dazu sehr hart und keksig.

Die Wahl fällt nun jedenfalls deutlich schwerer, wenn es darum geht, Aachener Printen zum Kaffee zu kaufen ;-)


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documenta 14 – Teil 1: Von Athen lernen

Die documenta findet dieses Jahr zum ersten Mal richtig offiziell an zwei Standorten statt. Bevor es in Kassel losging, begann die documenta mit diversen Ausstellungen und Aktionen in Athen. Für uns eine willkommene Ausrede, malwieder in die griechische Hauptstadt zu fahren! Die documenta war in der gesamten Stadt verteilt. Fast in jedem Museum, in archäologischen Stätten und auf vielen Plätzen waren Kunstwerke der documenta ausgestellt oder fanden Performances statt. Auch in zahlreichen öffentlichen Gebäuden, in die man als gewöhnlicher Athen-Besucher sonst nicht so geht, gab es Kunst. So machte man ganz nebenbei auch einen kleinen Architekturrundgang. Besonders augenfällig war diesmal die aktuelle politische Ausrichtung der documenta: Themen rund um Flüchtlinge, Kolonialismus, Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit standen im Vordergrund. Auch der große Anteil an Performances, die zum Teil nur ein einziges Mal stattfanden, weshalb man sie als Besucher gar nicht richtig rezipieren konnte – sehr schade -,  war auffällig. Der Schwerpunkt auf Performances und die Themen Flucht und Kolonialismus begleiteten mich übrigens auch bei den diesjährigen Wiener Festwochen, die ich etwa zur selben Zeit besuchte.

In Athen gefiel uns die Ausstellung im Odeion, dem Athener Konservatorium, das als einziger Bau eines 1959 von der griechischen Regierung beauftragten Kulturzentrums realisiert worden ist, besonders gut. Die Ausstellung war dort in viele verschiedene Räumlichkeiten verteilt, von denen einige ganz offensichtlich schon lange nicht mehr genutzt worden waren, was dem Ganzen eine Aura des Verfalls verlieh, die so gut zur Stadt paßt (dazu gleich mehr). Gleichzeitig erweckten die Musikschüler und ein improvisiertes Café das Odeion zum Leben. Passend zum Ort lag ein Schwerpunkt der Exponate auf Musik. U.a. gab es Möbelinstrumente von Nevin Aladağ zu sehen, auf denen wir sogar ein Konzert hören konnten – eine unheimlich lässige, ungezwungene Veranstaltung, die Kunst zum Leben erweckte! Weiter ging es zum Megaro Mousikis, wo die Bilder des Athener Malers Apostolos Georgiou ausgestellt waren. Das leere, verwaiste Konzerthaus aus dem 1970er/80er Jahren, in dessen Foyers die Gemälde einfach auf den Fußboden gestellt waren, wirkte genauso surreal wie die Szenen auf den Bildern. Im EMST, dem bislang uneröffneten Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst, war die Hauptausstellung der documenta zu sehen. Untergebracht im ehemaligen Gebäude der Fix-Brauerei, das 1961 eingeweiht worden war, konnte man dort den modernen Umbau eines historischen Fabrikgebäudes in einem Ausstellungsraum erleben. Wahrscheinlich, weil von der ehemaligen Brauerei-Nutzung nichts mehr zu sehen war, wirkte die Ausstellung dort vergleichsweise kühl und steril. Ein absolutes Highlight war für mich schließlich der Philopappos-Hügel. In einem kleinen Pavillon neben dem Kirchlein des Agious Dimitrios Loubardiaris am Fuße des Hügels waren zwar nicht die spannendsten Werke der documenta zu sehen, aber die location war einfach so entspannt und dem sonstigen Athener Trubel entrückt. Der eigentliche Höhepunkt befand sich dann auf der Spitze des Hügels: Im Schatten des etwas größenwahnsinnigen Grabmals des römischen Konsuls und Prinzen von Kommagene C. Julius Antiochus Epiphanes Philopappos hatte die kanadische Künstlerin Rebecca Belmore ein aus Marmor gemeißeltes (Flüchtlings-)Zelt aufgestellt, von dem aus sich ein einmaliger Blick auf das marmorne Manifest der Demokratie auf der gegenüber gelegenen Akropolis bot.

Natürlich konnten wir Athen nicht verlassen, ohne auch auf die Akropolis selbst hinauf zu steigen, zu diesem Zentrum der antiken Welt schlechthin – auch wenn der Eintrittspreis inzwischen wirklich unverschämte Höhen erreicht hat. Im Akropolis-Museum sinnierten wir danach über die ewigen Lücken, nun fordernd in Szene gesetzt, in der monumentalen Ausstattung der Akropolis-Bauten.

Athen hat mir diesmal wirklich so gut gefallen wie noch nie! Zwar stehen unendlich viele Häuser leer und verfallen, doch jede Lücke wird von Street Art eingenommen, es gab alternative Geschäfte jenseits der üblichen Souvenir-Monotonie und viele junge Leute. Im Gegensatz zu meinen letzten Besuchen (die zugegeben schon einige Jahre zurückliegen) hatte ich den Eindruck, daß die Stadt pulsiert, daß der allgegenwärtige Verlust nicht mehr vordergründig Lücken hinterläßt, sondern dass diese nun den Raum schafft, wo etwas Neues, Anderes entsteht. Ich hatte sofort Lust, mir dort ein Projekt zu überlegen, um ganz bald wiederkommen zu können!


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Ausflug ins Salz

Mit gemischten Gefühlen kamen wir von einem Wochenende im Salzkammergut zurück. Einerseits war da diese wunderschöne Landschaft. Wir wohnten in einem Traditionshaus in Bad Goisern, an dessen Stelle sich bereits in der Römerzeit eine Herberge befunden haben soll ;-) , und aus dem Fenster bot sich uns ein herrlicher Blick ins Grüne auf ein kleines Kirchlein. Als wir an den Hallstätter See fuhren, präsentierte sich dieser zunächst dramatisch wolkenverhangen, darüber lugten die verschneiten Bergspitzen hervor. Es war so schön, ich hätte sofort den nächsten Urlaub in der Region buchen können! Anderseits war da dieser unerträgliche Touristenrummel. In Hallstatt selbst, dem eigentlichen Ziel unseres Ausflugs, reihten sich Souvenirgeschäfte und Gaststätten mit immer gleichem, nichtssagendem Angebot aneinander, dazwischen wimmelte es von selfie-knipsenden Gästen aus aller Welt. Dabei ist der kleine Ort, dessen Holzhäuser sich malerisch am Seeufer an den Hang schmiegen, eigentlich recht niedlich. Sehenswert war zumindest das Beinhaus der Michaelskapelle, in dem seit dem 18. Jh. die kunstvoll bemalten Schädel der Toten aufbewahrt werden, die bei der Neubelegung eines Grabes exhumiert wurden. Da wir sowieso wegen der prähistorischen Vergangenheit der Stadt gekommen waren – schließlich gibt Hallstatt einer ganzen Epoche ihren Namen – , fuhren wir hinauf auf den Salzberg. Dort befanden sich in einem Hochtal neben dem Salzbergwerk, das wohl das älteste der Welt und noch heute in Betrieb ist, in der Bronze- und Eisenzeit die Siedlung der Bergarbeiter und das zugehörige Gräberfeld, von dem bisher ca. 1500 Bestattungen freigelegt wurden. Leider erinnert heute nur noch wenig an diese bedeutende Stätte. Selbst im Bergwerk erfährt man kaum etwas darüber, denn die 1,5-stündige Führung war der reinste Touri-Nepp. Untertage wurden uns mehrere aufwendige, aber uninformative Animationen, eine Licht-Show und Werbefilme für die Betreiberfirma des Bergwerks präsentiert. Definitives Highlight war die im Berg ausgegrabene Holzstiege aus dem Jahr 1344 v. Chr., die in einem “Bronzezeit-Kino” präsentiert wird. Als wir wieder aus dem Berg auftauchten, schien die Sonne, und wir konnten den wunderschönen Blick über den Hallstätter See genießen. Im Museum unten im Ort gab es dann wenigstens noch ein bißchen Hallstatt-Kultur zu sehen mit einigen wenigen Funden aus dem Bergwerk (die meisten Funde sind wohl in Wien) und zahlreichen imposanten Grabbeigaben aus der Nekropole.
Wir flohen jedenfalls aus Hallstatt ins nahe gelegene Bad Ischl, wo wir auf den Spuren von Sisi und Franz Josef – sie hatten dort eine ihrer Sommerresidenzen – in der ehemaligen k. u. k. Hofzuckerbäckerei Zauner den berühmten und ganz köstlichen Zaunerstollen kosteten.


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Die Ringstraße des Proletariats

2015 feierte die Wiener Ringstraße ihr 150. Jubiläum. Aus diesem Anlaß widmete der Waschsalon im Karl-Marx-Hof der ‘Ringstraße des Proletariats’ eine Ausstellung. Gemeint war der Margaretengürtel, an dem sich die höchste Konzentration an kommunalen Wohnbauten aus der Zeit des Roten Wien zwischen 1919 und 1933 findet. In dieser Ausstellung konnte man damals einen Plan dieser alternativen Ringstraße mitnehmen – und es hat nur knapp anderthalb Jahre gedauert, bis ich mir die Bauten auch tatsächlich angeschaut habe…

Diese Bauten sind ganz unterschiedlich: schlicht und kantig wie z.B. der von Peter Behrens entworfene Franz-Domes-Hof, expressionistisch wie der Reismannhof oder geradezu feudal wie das Herz des Viertels, der von Hubert Gessner erbaute Reumannhof. Vor allem an dieser Anlage mit ihren 480 Wohneinheiten und markantem zentralen Wohnturm fallen die Anklänge an aristokratische Schloßarchitektur ins Auge – ein wahrer “Volkswohnpalast”, wie Josef Frank, der später als Gegenentwurf die Werkbundsiedlung initiierte, wetterte. Und auch in den anderen Bauten lassen sich immer wieder palatiale Anklänge beobachten: Pergolen, Blumentröge, Puttenstatuetten. Obwohl die mit Waschküchen, Kindergärten und anderen Gemeinschaftseinrichtungen ausgestatteten Anlagen gerade einen Gegensatz zu dieser aristokratischen Welt bilden sollten, blieben sie doch diesem Wunschbild verhaftet. Mit ihrer aufwendigen skulpturalen Ausstattung und abwechslungsreichen Fassadengestaltung sind die Bauten heute jedenfalls sehr eindrucksvoll.

Hier der Spaziergang (in etwas erweiterter Fassung) zum Nachspazieren: http://www.dasrotewien.at/bilder/rotes_wien_plaene_ringstrasse.pdf