Häferlkaffee

documenta 14 – Teil 1: Von Athen lernen

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Die documenta findet dieses Jahr zum ersten Mal richtig offiziell an zwei Standorten statt. Bevor es in Kassel losging, begann die documenta mit diversen Ausstellungen und Aktionen in Athen. Für uns eine willkommene Ausrede, malwieder in die griechische Hauptstadt zu fahren! Die documenta war in der gesamten Stadt verteilt. Fast in jedem Museum, in archäologischen Stätten und auf vielen Plätzen waren Kunstwerke der documenta ausgestellt oder fanden Performances statt. Auch in zahlreichen öffentlichen Gebäuden, in die man als gewöhnlicher Athen-Besucher sonst nicht so geht, gab es Kunst. So machte man ganz nebenbei auch einen kleinen Architekturrundgang. Besonders augenfällig war diesmal die aktuelle politische Ausrichtung der documenta: Themen rund um Flüchtlinge, Kolonialismus, Unterdrückung, soziale Ungerechtigkeit standen im Vordergrund. Auch der große Anteil an Performances, die zum Teil nur ein einziges Mal stattfanden, weshalb man sie als Besucher gar nicht richtig rezipieren konnte – sehr schade -,  war auffällig. Der Schwerpunkt auf Performances und die Themen Flucht und Kolonialismus begleiteten mich übrigens auch bei den diesjährigen Wiener Festwochen, die ich etwa zur selben Zeit besuchte.

In Athen gefiel uns die Ausstellung im Odeion, dem Athener Konservatorium, das als einziger Bau eines 1959 von der griechischen Regierung beauftragten Kulturzentrums realisiert worden ist, besonders gut. Die Ausstellung war dort in viele verschiedene Räumlichkeiten verteilt, von denen einige ganz offensichtlich schon lange nicht mehr genutzt worden waren, was dem Ganzen eine Aura des Verfalls verlieh, die so gut zur Stadt paßt (dazu gleich mehr). Gleichzeitig erweckten die Musikschüler und ein improvisiertes Café das Odeion zum Leben. Passend zum Ort lag ein Schwerpunkt der Exponate auf Musik. U.a. gab es Möbelinstrumente von Nevin Aladağ zu sehen, auf denen wir sogar ein Konzert hören konnten – eine unheimlich lässige, ungezwungene Veranstaltung, die Kunst zum Leben erweckte! Weiter ging es zum Megaro Mousikis, wo die Bilder des Athener Malers Apostolos Georgiou ausgestellt waren. Das leere, verwaiste Konzerthaus aus dem 1970er/80er Jahren, in dessen Foyers die Gemälde einfach auf den Fußboden gestellt waren, wirkte genauso surreal wie die Szenen auf den Bildern. Im EMST, dem bislang uneröffneten Nationalmuseum für zeitgenössische Kunst, war die Hauptausstellung der documenta zu sehen. Untergebracht im ehemaligen Gebäude der Fix-Brauerei, das 1961 eingeweiht worden war, konnte man dort den modernen Umbau eines historischen Fabrikgebäudes in einem Ausstellungsraum erleben. Wahrscheinlich, weil von der ehemaligen Brauerei-Nutzung nichts mehr zu sehen war, wirkte die Ausstellung dort vergleichsweise kühl und steril. Ein absolutes Highlight war für mich schließlich der Philopappos-Hügel. In einem kleinen Pavillon neben dem Kirchlein des Agious Dimitrios Loubardiaris am Fuße des Hügels waren zwar nicht die spannendsten Werke der documenta zu sehen, aber die location war einfach so entspannt und dem sonstigen Athener Trubel entrückt. Der eigentliche Höhepunkt befand sich dann auf der Spitze des Hügels: Im Schatten des etwas größenwahnsinnigen Grabmals des römischen Konsuls und Prinzen von Kommagene C. Julius Antiochus Epiphanes Philopappos hatte die kanadische Künstlerin Rebecca Belmore ein aus Marmor gemeißeltes (Flüchtlings-)Zelt aufgestellt, von dem aus sich ein einmaliger Blick auf das marmorne Manifest der Demokratie auf der gegenüber gelegenen Akropolis bot.

Natürlich konnten wir Athen nicht verlassen, ohne auch auf die Akropolis selbst hinauf zu steigen, zu diesem Zentrum der antiken Welt schlechthin – auch wenn der Eintrittspreis inzwischen wirklich unverschämte Höhen erreicht hat. Im Akropolis-Museum sinnierten wir danach über die ewigen Lücken, nun fordernd in Szene gesetzt, in der monumentalen Ausstattung der Akropolis-Bauten.

Athen hat mir diesmal wirklich so gut gefallen wie noch nie! Zwar stehen unendlich viele Häuser leer und verfallen, doch jede Lücke wird von Street Art eingenommen, es gab alternative Geschäfte jenseits der üblichen Souvenir-Monotonie und viele junge Leute. Im Gegensatz zu meinen letzten Besuchen (die zugegeben schon einige Jahre zurückliegen) hatte ich den Eindruck, daß die Stadt pulsiert, daß der allgegenwärtige Verlust nicht mehr vordergründig Lücken hinterläßt, sondern dass diese nun den Raum schafft, wo etwas Neues, Anderes entsteht. Ich hatte sofort Lust, mir dort ein Projekt zu überlegen, um ganz bald wiederkommen zu können!

 

 

 

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