Häferlkaffee

Wiener Luftschutz

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Beim letzten Tag des Denkmals in Wien besichtigte ich die Luftschutzkeller unter der ehemaligen Wiener Hauptpost. Der Gebäudekomplex in der Postgasse im 1. Bezirk besteht aus mehreren, ursprünglich getrennten Bauteilen unterschiedlichen Datums, die im 19. Jh. mit einer einheitlichen Fassade versehen wurden. Entsprechend waren auch die Keller untereinander ursprünglich nicht verbunden. Erst im 2. Weltkrieg wurden sie zu einem zusammenhängenden Netzwerk aus Luftschutzräumen umgebaut, das heute noch gut erhalten ist. Damals muß die ganze Wiener Innenstadt mit einem solchen Netz aus unterirdischen Gängen verbunden gewesen sein. Da wegen der dichten Bebauung keine Bunker – mit Ausnahme der Flaktürme (s.u.) – angelegt werden konnten, wurden die vorhandenen Keller zu Luftschutzräumen umfunktioniert, die wohl nur unzureichend Schutz boten. Die Durchbrüche und Gänge zwischen den Kellern der einzelnen Häuser wurden nach dem 2. Weltkrieg aus Sicherheitsgründen wieder zugemauert. In der Hautpost weisen noch heute Beschriftungen an den Wänden der leeren Kellerräume den Weg zu Aufenthaltsräumen, Sanitäranlagen und Notausgängen; ein Leitsystem aus mit fluoriszierender Farbe gemalten Feldern, das noch heute funktioniert, sollte bei Stromausfall die Orientierung sichern und ein bißchen Licht in die Räume bringen. Die äußerst schmalen Verbindungsgänge zwischen den unterschiedlich hohen Kellerräumen der einzelnen Gebäudeteile, die zudem auf unterschiedlichen Niveaus liegen, verstärkten das beklemmende Gefühl auf unserem Rundgang.

Luftschutzräume gab es ansonsten nur in den Flaktürmen, die in Wien – wie sonst nur in Berlin und Hamburg – zwischen 1942 und 1945 errichtet wurden. Insgesamt gibt es in Wien sechs solche Hochbunker, wobei jeweils ein Gefechtsturm und ein Leitturm ein Paar bilden. Auf dem Dach des Gefechtsturms standen jeweils vier große Fliegerabwehrgeschütze, auf dem Dach des Leitturms ein Funkmessgerät. Wegen der starken Erschütterungen konnten die Geschütze nicht auf demselben Turm montiert sein wie die sensiblen Messgeräte. Auf den Auskragungen der unteren Plattformen aller Türme standen kleinere Flakgeschütze, um eventuelle Tieffliegerangriffe abzuwehren. In den unteren Etagen der Hochbunker befanden sich Luftschutzräume für die Zivilbevölkerung, die insgesamt Platz für 40.000 Personen boten, sowie Spitäler, und erst in den oberen Etagen lagen administrative und militärische Räumlichkeiten. Die Bunkerpaare sind in einem Dreieck um die Innenstadt herum angeordnet. Sie wurden dort gebaut, wo gerade Platz war, meist in Parkanlagen. Als erstes wurde die Anlage im 3. Bezirk errichtet. Im kleinen Arenbergpark stehen die beiden Türme ungewöhnlich nah beieinander. Der Gefechtsturm ist zugleich der größte der sechs Wiener Hochbunker. Heute wird der Turm durch die zeitgenössische Sammlung des Museums für Angewandte Kunst genutzt, die jedoch derzeit nicht zugänglich ist, weil der Turm wegen erheblicher Sicherheitsmängel saniert werden muß.

Bei den vier später errichteten Flaktürmen mußte Material gespart werden, weshalb sie einen anderen Grundriß aufweisen. Die Gefechtstürme sind nicht mehr viereckig wie derjenige im Arenbergpark, sondern fast rund, und an den Leittürmen sind die Auskragungen für die unteren Flakgeschütze an den Ecken statt an den Langseiten angebracht. Als erstes wurde auf diese Weise das Bunkerpaar um die Mariahilfer Str. gebaut. Der Leitturm im winzigen Esterházy Park beherbergt heute das Haus des Meeres, ein Aquarium und kleiner Indoor-Zoo mit einer außen an den Turm angebauten Tropenhalle, in der Äffchen herumturnen. Ich bestieg an einem brennend heißen Sommertag die untere Plattform, von der aus man einen hervorragenden Blick über die Stadt hat. Der zugehörige Gefechtsturm liegt in der Stiftskaserne und wird noch heute militärisch genutzt. Angeblich befinden sich darin auch Schutzräum für die Staatsspitze..

Das jüngste und zugleich höchste Bunkerpaar liegt nur wenige Minuten von meiner Wohnung entfernt im Augarten. Die beiden Türme sind ungenutzt, der Gefechtsturm ist außerdem im oberen Bereich beschädigt, seit 1946 spielende Kinder mit darin gelagerter Munition eine Explosion auslösten. Der Augarten besticht übrigens nicht nur durch seine bizarre Mischung aus Barockgarten und Betonkolossen, sondern auch durch die Thyssen-Bornemisza Art Contemporary, die Sammlung von Francesca Habsburg, die kleine, aber feine wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zeigt, und ihr Museumslokal “Die Au”, auf dessen idyllischer, schattiger Terrasse sich so manche Köstlichkeit genießem läßt!

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2 thoughts on “Wiener Luftschutz

  1. Klasse recherchiert und geschrieben! Danke für den Artikel!

  2. Man lernt nie aus, auch als Wienerin nicht ;) cooler Artikel!

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